Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.10.2019


Literatur

Das Leben ist kein Vogelparadies

Bettina Balàkas neuer Roman „Die Tauben von Brünn“ entführt ins Biedermeier.

Der Salzburgerin Bettina Balàka gelingt ein bilderreicher Blick auf das Wien des 19. Jahrhunderts.

© Alain BarberoDer Salzburgerin Bettina Balàka gelingt ein bilderreicher Blick auf das Wien des 19. Jahrhunderts.



Von Bernadette Lietzow

Innsbruck – Zwei wunderschöne „Lütticher Brieftauben“ vor ländlicher Idylle, gemalt 1889 von Jean Bungartz, zieren den Umschlag eines im besten Sinn feinen Romans, in dem auf schlanken 190 Seiten von menschlicher Niedertracht ebenso die Rede ist wie von allen Widrigkeiten trotzender innerer Souveränität.

Mit Freuden taucht man mit Bettina Balàkas Buch „Die Tauben von Brünn“ tief ab in das biedermeierliche Wien und landet auf der Schattenseite jener gerne beschworenen unbeschwerten „Backhendlzeit“. Bittere Armut, politische wie gesellschaftliche Abhängigkeiten und Einschränkungen, Ge- und Verbote, die besonders weibliche Biografien prägen, frühkapitalistische Rücksichtslosigkeit und Ausbeutung: All diese Bedingtheiten fließen in Balàkas Roman zu einem breiten Erzählstrom zusammen, auf dem die Hauptfigur mutig ihr Lebens-Schiffchen steuert und schlussendlich einer Form sanften Glücks entgegengleitet.

Bertha, zu Beginn des Buches ein kleines Mädchen, wächst als Tochter des Brieftaubenzüchters Wenzel Hüttler in äußerst bescheidenen, jedoch erstaunlich liebevollen Verhältnissen auf. Begleiter ihres jungen Lebens sind, neben Bruder Eduard, der Familie tägliches Brot: eine große Anzahl dressierter Tauben, mit denen sie sich bald fast so gut auskennt wie ihr Vater.

Die Eltern sterben früh an der „Wiener Krankheit“, der Tuberkulose. Wenzels letzter, gewinnbringender Lottoschein gerät in die Hände des halbwüchsigen Nachbarn und schon in jungen Jahren gerissenen Geschäftemachers Johann Sothen, der in der Folge seine kleine Lottokollektur sukzessive zum großen Unternehmen ausbaut.

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Dieser holt die inzwischen erwachsene Bertha, die mit dem Bruder bei einer Verwandten in Brünn untergekommen ist, generös nach Wien zurück, damit sie die Taubenzucht fortsetzt – mit dem Hintergedanken, die trainierten Vögel für einen Lottobetrug einzusetzen.

Bertha, die von einer Hasenscharte gezeichnete junge Frau, stellt sich dem Ansinnen entgegen, gerät jedoch aufgrund einer folgenschweren Liebelei mit Sothen in Bedrängnis, die sie zwingt, den gemeinsamen unehelichen Sohn fortzugeben. Am Ende ist ihr aber das Glück hold: Sothen wird ermordet, Bertha kann den Lebensabend an der Seite ihres Sohnes verbringen. Sie empfindet sich als unabhängig und entlässt in einem gelungenen Schlussakkord allerlei auf dem Vogelmarkt erstandene gefiederte Freunde in die Freiheit.

Kunstvoll verwebt die Autorin die wahre Geschichte des später zum Freiherrn geadelten und in historischen Zeugnissen belegten Ausbeuters mit einem gelungenen Frauenporträt und subtil geschilderten Vignetten, die ein stimmungsvolles Bild einer Zeit im Wandel abgeben. So stellt Balàka mit dem Nebenpersonal Phänomene wie Aberglaube und beginnendes wissenschaftliches Interesse in Bereichen wie Natur oder Medizin vor, die den lesenswerten Roman bereichern.

Roman Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn. Deuticke 2019, 192 Seiten, 20,60 Euro.