Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.11.2019


Buchpreis

„Ich mag fast alles vom frühen Handke, fast nichts vom späten“

Der Tiroler Schriftsteller Norbert Gstrein ist nun Österreichischer Buchpreisträger. Die TT konnte ihn für ein Gespräch erreichen.

Der Schriftsteller Norbert Gstrein wurde 1961 in Mils bei Imst geboren, lebt aber schon seit vielen Jahren in Hamburg.

© imagoDer Schriftsteller Norbert Gstrein wurde 1961 in Mils bei Imst geboren, lebt aber schon seit vielen Jahren in Hamburg.



Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck — Der in Hamburg lebende Schriftsteller Norbert Gstrein telefoniert nicht gern. Also hat die TT dem gebürtigen Tiroler Autor, der am Montagabend für seinen Roman „Als ich jung war" mit dem Österreichischen Buchpreis geehrt wurde, per Mail zu seiner Auszeichnung gratuliert, die er allerdings aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich entgegennehmen konnte.

Gstreins literarisches Werk wurde schon mehrfach ausgezeichnet. Preise sorgen für Aufmerksamkeit, bringen den Autoren Geld und fördern im Idealfall auch den Verkauf eines Buches. Norbert Gstrein reagiert auf die Frage, wie wichtig Preise für ihn sind, prompt, vor allem schlagfertig. Er schreibt: „Preise sind ein notwendiges Übel und ich wäre der Erste, der ein paar abschaffen würde. Ich freue mich über sie in doppelter Verneinung: Die, die ich bekomme, kann ich nicht mehr nicht bekommen." Welchen Preis er konkret abschaffen würde, verriet Gstrein der TT allerdings nicht.

Kaum ist ein Preisträger verkündet, wird über ihn hitzig diskutiert, wie kürzlich etwa über Peter Handke, der mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde. Gstreins Meinung zu Handke ist differenziert, er schreibt der Redaktion: „Ich mag fast alles vom frühen Handke, fast nichts vom späten, außer ,Immer noch Sturm' und die Notizen. Das bosnische Zeug war eine trotzige Selbstbeschädigung allererster Güte, aber nie und nimmer gefährlich, und ich würde mich nach einem langen Hin und Her gegen die Besserwisser, die nicht lesen, hinter Handke stellen, weil ich seine Furchtlosigkeit mag, in einer Welt, in der alle sich fürchten. Denn genauso ist er auch in die Literatur gestürmt, als er noch gut war: furchtlos und jung."

Gstrein ist derzeit auf Lese­tour, am Freitag präsentiert er seinen Roman in der Wagner'schen Buchhandlung. Die TT traf den Autor auch auf der Frankfurter Buchmesse und plauderte dort mit ihm über seinen neuen Roman. Schon beim Titel, „Als ich jung war", könnte man annehmen, es handle sich um einen autobiografischen Text, immerhin lebt auch die Hauptfigur Franz als Hoteliersohn im hintersten Tal, wie einst der Autor selbst. Gstrein verrät, dass es ihm schon beim Titel darum ging, „ein Vexierspiel anzufangen". Auch im Verlauf des Romans manövriert Gstrein­ seine Leser auf dünnes Eis und zeigt auf, dass gerade Erzähltes viele Ungewissheiten offenbart. Wer in Tirol ortskundig ist, fühlt sich beim Lesen oft an reale Schauplätze erinnert, zum Beispiel an die Burg St. Petersberg in Silz. Gstrein sagt dazu: „Das Schreiben fällt mir immer leichter, wenn ich konkrete Schauplätze vor Augen habe. Dann kann ich mich in der Imagination ganz auf andere Dinge konzentrieren. Außerdem ist es sehr komfortabel zu wissen, dass alles, was wirklich ist, auch möglich sein kann." Im Gespräch mit Norbert Gstrein ist nie ein Funke eines Ötztaler Dialekts zu hören. Kann er ihn noch? Er entgegnet: „Ich spreche ihn immer, wenn ich dort bin, wo ich einmal zu Hause war."

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