Letztes Update am Fr, 17.02.2012 13:44

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Autoren publizieren im Netz - doch Traum vom gedruckten Buch bleibt

Schriftsteller wie Jonas Winner oder Amanda Hocking wurden mit selbst publizierten E-Books bekannt. „Das Auratische ist aber immer noch das Buch.“

© APAmazon gilt in der Branche auch wegen seines weiteren Vordringens im Buchmarkt als „frenemy, Freind“ - halb Freund, halb Feind.



Von Karolin Köcher/dpa

Berlin/Leipzig - Für Jonas Winner war der 11. Februar ein ganz besonderer Glückstag. An jenem Samstag bot ihm Amazon an, seinen digitalen Serienroman „Berlin Gothic“ zu übersetzen und weltweit auch als E-Book und als Printausgabe herauszubringen. „Der Overkill!“, schreibt der Schriftsteller sofort in seinem Blog. Den Vertrag habe Firmenchef Jeff Bezos höchstselbst unterzeichnet. Nachdem sich das bisher fünfbändige E-Book des 45-Jährigen inzwischen über 72.000 Mal übers Internet verkauft hatte, war der Konzern auf ihn aufmerksam geworden.

Nomen est omen: Winner galt schon vor dem 11. Februar in der Branche als Vorzeigeautor fürs Selbstpublizieren von E-Books. Amazons Kindle Direkt Publishing Programm oder Plattformen wie neobooks machen es möglich: das eigene Buch nahezu zum Nulltarif zu erzeugen und darauf zu hoffen, dass es auf eine große Fangemeinde im Internet trifft. Berühmtestes Beispiel ist sicher die Amerikanerin Amanda Hocking, deren Vampir-Romane millionenfach heruntergeladen wurden. Auch auf der Buchmesse in Leipzig (15. bis 18. März) soll auf diese noch weitgehend unerforschten Möglichkeiten im world wide web eingegangen werden.

In einem „BarCamp“ können Autoren und „online-affine Menschen“ in einer „kreativen Atmosphäre ohne feste Strukturen“ über ihre Erfahrungen und ihr Wissen diskutieren, sich gegenseitig weiterhelfen und unterstützen, heißt es in der Ankündigung der Messe. Jeder, der meint, etwas zum Thema Social Media und Vermarktung beitragen zu können, sei willkommen.

Eben diese Offenheit hält Claudius Nießen bei dem Thema auch für angemessen. „Da ist derzeit so viel im Fluss, da sollte man nicht von vornherein zu viel vorgeben.“ Für den Geschäftsführer des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig gehören Hilfestellungen der verschiedensten Art für Autoren zum Alltag. „Es geht um das gesamte unternehmerische ABC des freiberuflichen Autors. Auch Buchhaltung, Steuerfragen und ähnliche Langweiligkeiten gehören dazu.“ Der Autor sei ja im Prinzip sein eigener Markenkern.

Verlage haben nichts gegen Autoren, die sich in der Öffentlichkeit gut verkaufen können - doch das liegt nicht jedem. „Viele möchten das Marketing dem Verlag überlassen und sich lieber ganz aufs Schreiben konzentrieren“, so Nießen. Doch einen Verlag muss man dazu erst einmal haben. Mit der Aussicht, vielleicht doch irgendwann als Autor eines gedruckten Buchs entdeckt zu werden, lockt der Droemer-Knaur Verlag auf seiner Online-Plattform neobooks.com. Autoren können ihre Texte kostenlos einstellen, mit Lesern diskutieren und verkaufen.

Ein Lektorenteam des Verlages sichtet die Manuskripte und wählt daraus fürs E-Book-Programm aus. „Bereits 33 Autoren hat der Verlag seit Gründung der Plattform im Oktober 2010 unter Vertrag genommen“, sagt Projektleiterin Ina Fuchshuber. Auch Literaturagenten schauen sich dort nach vielversprechendem Nachwuchs um. Zwei Autoren haben sogar den Sprung vom E-Book zur Druckausgabe geschafft und erscheinen bei Droemer Knaur nun auch als Taschenbuch.

Die derzeitigen Veränderungen und Umwälzungen in der Buchwelt sind für Winner „mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar“. Verlage suchen fieberhaft nach neuen Strategien. Amazon gilt in der Branche auch wegen seines weiteren Vordringens im Buchmarkt als „frenemy, Freind“ - halb Freund, halb Feind. Um den Zug in die Zukunft nicht zu verpassen, verbünden sie sich mit dem Medium, das sie gleichzeitig am meisten fürchten.

„Digital first“ heißt es konsequent bei Bastei Lübbe. Mit Bastei Entertainment hat der Verlag eine eigene Abteilung für diesen Bereich geschaffen und wirbt mit einem kompletten Jahresprogramm für rein digitale Produkte. Nach dem nach eigenen Angaben weltweit ersten digitalen Serienroman „Apocalypsis“, folgt in diesem Jahr eine neue Mystery-Serie.

Jonas Winner freut sich darauf, dass sein Buch schon bald auch in den Regalen von Buchläden steht. „Die Digitalisierung macht das Selbstpublizieren einfacher. Das Auratische ist aber immer noch das Buch“, sagt Nießen. „Oder zeigen Sie mir den Autor, der kein gedrucktes Buch will.“




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