Letztes Update am Fr, 28.09.2012 23:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

„Ich liebe das Verdichten“

Der Schweizer Autor und Hölderlin-Preisträger Klaus Merz liest morgen in Innsbruck. Mit der TT sprach er über Wunderschuhe, Wirklichkeit und seine Werkausgabe.



Sie haben kürzlich den renommierten Hölderlin-Preis erhalten. Was verbinden Sie mit dem Dichter?

Klaus Merz: In meiner Jugend hat mich Hölderlins Werk sehr beschäftigt. Ich war ihm beinahe verfallen. Später löste ich mich schrittweise von seinem Einfluss. Die hohen Ideale, der hymnische Ton machte mich schwindlig. Ich wandte mich ab, betrieb literarischen „Kahlschlag“ und musste doch erkennen, dass die Wurzeln aller „neuen“ Meister, denen ich mich zuwandte, ebenfalls zurück zu den alten, unter anderem zu Hölderlin und ins existenzielle Fundament dieser Dichtung führten.

Arno Geiger hat mit Blick auf Ihr Werk gesagt, dass große Erzähler nichts Bestimmtes zu sagen haben ...

Merz: Alles Erzählen kreist um die immer gleichen Themen. Es geht um Liebe, Tod, ums Zweifeln und Verzweifeln, um die menschlichen Grundgebrechen. Davon wird immer wieder erzählt, immer ein bisschen neu, immer ein bisschen anders. Um diese Verschiebungen geht es mir.

Sie gelten als Meister kürzerer Formen. Manche Ihrer Erzählungen sind nicht länger als ein Satz.

Merz: Mich interessiert das Konzentrat, die Reduktion. Ich liebe das Verdichten. Mir ist es lieber, wenn Leser nach 100 Seiten das Gefühl haben, einen 300-Seiten-Roman gelesen zu haben als umgekehrt.

Ein Kritiker meinte über Sie, dass in einem Ihrer Sätze, die ganze Welt steckt.

Merz: Das ist ein schöner, schmeichelhafter Satz. Aber grundsätzlich finde ich schon, dass jeder Schriftsteller den Willen haben muss, Sätze zu schreiben, die sitzen.

Wie viel Arbeit steckt in solchen Sätzen?

Merz: Es ist ein Prozess. Manchen Sätzen muss man Zeit geben. Gewisses Material muss ruhen, bis es an Aktualität verliert und seine dauerhafte Seite zeigt.

Im Gedicht „Befehlsgewalt“ sprechen Sie von „Wunderschuhen“, die einer Erzählung lauschende Kinder „über alle Berge“ bringt. Ist das eine Aufgabe der Literatur: Den Leser mitzunehmen in das Unbekannte?

Merz: Es gilt den Leser zu verwundern, ihn einen Moment lang zu irritieren. Ihn aus der Verstocktheit des Tagesgeschehens rauszunehmen. Es gibt auch andere Dimensionen. Man muss nicht immer in schweren Schuhen durch die Berge, sondern man kann die Wirklichkeit auch erzählen oder sie erzählen lassen.

Trotzdem treibt Ihr Schreiben gerade das vermeintlich Alltägliche an.

Merz: Wir haben nichts anderes zur Verfügung als den Alltag. Auch das Spektakuläre ist im Grunde Alltag.

„Sogar das Erlebte will zuerst / beschrieben sein“ heißt es in einem Ihrer Gedichte.

Merz: Ja, das ist mir wichtig. Erst das Formulierte wird lesbar, es wird anders und neu erfahrbar. Das ist eine große Aufgabe. Nicht nur der Literatur, sondern auch der Malerei.

Malerei spielt in ihren Texten immer wieder eine Rolle. Was fasziniert sie an Bildern?

Merz: Bilder sind gut abgehangene Wirklichkeit, die über singuläre Erfahrungen hinausgeht. In einem Bild verdichtet sich die Weltsicht des Malers, alles was er kennt und zu kennen glaubt und die Erfahrung des Betrachters.

Viele Ihrer Bücher werden von Heinz Egger illustriert.

Merz: Das verbindet uns seit bald dreißig Jahren. Er reagiert auf meine Texte und malt Paraphrasen, Zusätze.

Der Innsbrucker Haymon Verlag gibt seit 2011 eine Gesamtausgabe Ihrer Werke heraus. Eine Ehre, die nicht jedem Autor zuteilwird ...

Merz: Anfangs war ich von dem Projekt nicht überzeugt. Mir wäre lieber gewesen, mein Verlag hätte das gemacht, wenn es mich nicht mehr gibt. Aber Verleger Markus Hatzer und mein Freund Markus Bundi, der die Bände herausgibt, haben mich überredet – und, was soll ich sagen, ich bin sehr dankbar.

Das Gespräch führte Joachim Leitner




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