Letztes Update am Fr, 08.02.2013 13:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Literatur

Ein trauriges Märchen

von der Unentrinnbarkeit

Der ukrainischen Autorin Maria Matios gelingt mit „Darina, die Süße“ ein ergreifendes Porträt der Bukowina.



Von Bernadette Lietzow

Innsbruck – Vertieft man sich in „Darina, die Süße“, das jetzt im Haymon Verlag erschienene Buch der ukrainischen Prosaistin und Lyrikerin Maria Matios, so gewinnt man den Eindruck, die Heimat der Romanfiguren, die ärmlich-bäuerliche Region der Bukowina, ist kein Landstrich, der es den Menschen verzeiht, wenn sie ihr kleines Glück bewahren wollen. „In keiner anderen Region der Ukraine hat die Geschichte so sehr gegen jeden einzelnen Menschen gekämpft“, wird Maria Matios von ihrem Landsmann, dem Schriftsteller Andrej Kurkow im Nachwort zitiert.

Dankenswerterweise steuert Kurkow zudem noch einige historische Fakten zu ebendieser wechselvollen Geschichte der Gegend am Rande Europas bei. Es ist ein geknechtetes, in fast archaisch anmutenden Traditionen verhaftetes Bauernland, das da im 20. Jahrhundert mehrfach in die Fänge der instabilen und gewalttätigen Weltpolitik gerät. Die Donaumonarchie, russische Revolution, das nationalistische Großrumänien, deutsche Besatzer, die Sowjetarmee und die Zeit als Teil der UdSSR drückten dem Vielvölkerland der Huzulen, Rumänen, Polen, Juden bis hin zu Vertreibung, Zwangskollektivierung und Vernichtung einen grausamen Stempel auf.

Maria Matios, die inzwischen in Kiew lebt und sich neben ihrer literarischen Arbeit für Vitali Klitschkos demokratische Reformbewegung engagiert, setzt mit „Darina, die Süße“ ihrer Heimat ein bemerkenswertes Denkmal. In das „Land der Buchen“, wie Bukowina im Deutschen sinngemäß übersetzt werden kann, geleitet den Leser eine sonderbare Frau, deren Leben und Leiden ein Abbild für die Bedrängnisse ist, denen ihre Heimat ausgesetzt war und, wenn man sich die äußerst angespannte politische und wirtschaftliche heutige Realität vor Augen führt, wohl noch immer ist. „Darina hörte und wusste alles, sie redete nur mit niemandem“: Erst am Ende des Buches erschließt sich die vermeintliche Stummheit der als Dorfdebilen geduldeten und mitleidig belächelten, ergrauten Frau, deren sonderbare Anfälle sie tagelang regungslos ans Bett fesseln. Immer wieder gesäumt von den (kursiv gesetzten) Kommentaren der Nachbarinnen und in ebenso einfachen wie poetischen Bildern erfährt man vom schmerzvoll nach innen gekehrten Leben einer Randständigen, die der Genuss von Süßem in nahezu letale Agonie zu stürzen vermag.

Dieses und andere Geheimnisse klären sich mit dem Strang der Romanhandlung, die Matios Darinas Eltern gewidmet hat. Mychajlo und Matronka haben sich gefunden, nicht nur als glückliches Paar, sondern in ihren sie von den Dorfbewohnern abhebenden Besonderheiten, wie einer großen Sensibilität, moralischen Werten und einer Zärtlichkeit, die ihrer derben Umwelt verdächtig erscheint. Sie tun sich schwerer, mit der Verwerfungen der Zeitläufe zurechtzukommen und können das Grauen, das sie treffen wird, weder abwenden noch werden sie es überleben. Maria Matios findet in ihrem unbedingt empfehlenswerten Roman jene Worte und Sprachbilder (trotz der in der Wortwahl gelegentlich holprigen Übersetzung von Claudia Dathe), die Glück und Traurigkeit tief nachempfinden lassen.

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Maria Matios, Darina, die Süße. Roman. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Mit einem Nachwort von Andrej Kurkow. Haymon Verlag 2013, 232 Seiten, 19,90 Euro.




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