Letztes Update am Do, 23.05.2013 16:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


80. Jahrestag

Bücherverbrennungen der Nazis: Ein Fanal der Unfreiheit

„Dort, wo man die Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“: Heute jähren sich die öffentlichen Bücherverbrennungen der Nazis zum 80. Mal.



Innsbruck – Der 10. Mai 1933 war in weiten Teilen Deutschlands ein regnerischer Tag. Trotzdem herrschte auf den zentralen Plätzen zahlreicher Universitätsstädte schon seit den frühen Morgenstunden reges Treiben. Kabel wurden verlegt, riesige Scheinwerfer montiert, mancherorts wurden sogar Podeste aufgebaut – vor allem aber wurden brennbares Material gestapelt und Bücher herangekarrt. Bücher, die in den Wochen davor gesammelt wurden. Die „deutsche Studentenschaft“ hatte bereits Anfang April zur „Aktion wider den undeutschen Geist“ aufgerufen.

Die vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, vorangetriebene „Gleichschaltung“ von Kunst, Kultur, Presse und Erziehung hatte die Universitäten erreicht. Plakate wurden gedruckt, Flugblätter verteilt und in Seminaren und Vorlesungen wurde fleißig die Werbetrommel gerührt für die NS-Ideologie und Weltschauung und gegen „zersetzende Schriften“ gewettert. Veranstaltungen von Professoren, die sich weigerten, die „Aktion“ zu unterstützen, wurden boykottiert. Regimekritische oder jüdische Hochschullehrer sollten gemeldet werden.

Die „deutsche Studentenschaft“, damals schon weitgehend von Nationalsozialisten beherrscht, hatte schwarze Listen von Büchern erstellt. Öffentliche und private Bibliotheken seien davon zu säubern, wurde in Rundschreiben mitgeteilt – was auch vielerorts mit Billigung der Behörden geschah, an den Hochschulen häufig mit Unterstützung von Rektoren und Professoren. Die Studenten sahen sich als „geistige SA“, bildeten „Kampfausschüsse“ und die öffentlichen Bücherverbrennungen sollten der vorläufige Höhepunkt dieser „nationalsozialistischen Revolution“ sein. Einer Revolution, die – so fasste es der heute zu Recht vergessene „Blut und Boden“-Dichter Hanns Johst zusammen – nicht „vor den Tischen, an denen geschrieben wird“, Halt machen dürfte.

Mit der Dämmerung füllten sich die Plätze zusehends. Allein auf dem Berliner Opernplatz sollen es rund 40.000 Schaulustige gewesen sein, die dem unrühmlichen Spektakel zusahen. Die Studenten bildeten Menschenketten und trugen unzählige Bücherstapel von Lastwagen an die vorbereiteten Scheiterhaufen. Begleitet von den so genannten „Feuersprüchen“ wurden Zehntausende Texte ein Raub der Flammen. Texte von Philosophen wie Karl Marx, Dichtern wie Heinrich Heine oder Bertolt Brecht, dazu die Romane von Thomas und Heinrich Mann oder die Bücher von Erich Kästner. Viele Autoren wurden durch diese Aktion für Jahrzehnte aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Die Schriftstellerin Irmgard Keun („Das kunstseidene Mädchen“, 1932) zum Beispiel wurde erst in den 1970er-Jahren wiederentdeckt. Andere ehemals bedeutende Stimmen der deutschsprachigen Literaturlandschaft sind bis heute verstummt.

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Um Mitternacht trat Propagandaminister Goebbels ans Mikrofon und verkündete, vom Radio landesweit übertragen: „Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende (...) Die deutsche Seele kann sich wieder äußern.“

Als letzte große Inszenierung in der Frühphase der NS-Machtübernahme folgte die Bücherverbrennung der Verhaftungswelle gegen Kommunisten nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar und dem Judenboykott vom 1. April. Wie sich zeigte, war sie mehr als nur ein symbolischer Akt, sondern der Auftakt zu einer flächendeckenden bürokratischen Zensur und Indizierung der Nazis – vor allem aber war die NS-Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 ein Vorbote jenes rassistischen Wahns, der im industriellen Massenmord an Europas Juden gipfelte. Die Katastrophe wurde mit makaberem Pomp eingeläutet.

Heinrich Heines auf die Koran-Verbrennungen um 1500 in Spanien gemünzten Verse aus dem „Almansor“ (1821) erwiesen sich als prophetisch: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (jole)




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