Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.05.2014


Literatur

Warum am Leben bleiben?

Lukas Bärfuss legt mit „Koala“ einen packenden Text vor, der kluge Fragen stellt und zutiefst berührt.

© Wallstein verlagDer Schweizer Dramatiker und Romancier Lukas Bärfuss verarbeitet in „Koala“ den Freitod seines Bruders.Foto: Meyer/Wallstein Verlag



Von Friederike Gösweiner

Innsbruck – Wer Lukas Bärfuss kennt, weiß, der Schweizer, einer der profiliertesten deutschsprachigen Dramatiker, schreibt, auch wenn er Prosa schreibt, immer mutige, radikale Texte. Das war schon so in seinem beeindruckenden Prosa-Erstling „Die toten Männer“, einer Novelle über den Konflikt zwischen Freiheitsdrang und Liebessehnsucht, und in seinem großen ersten Roman „Hundert Tage“, einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Völkermordes in Ruanda.

In „Koala“ nimmt er sich jetzt eines besonders schwierigen Themas an, vielleicht dem letzten Tabu überhaupt: dem Suizid. Der Anlass dafür ist ein sehr persönlicher: der Selbstmord des Bruders, der in einer Notschlafstelle gearbeitet hat, mehrfach schon als Jugendlicher bei Unfällen fast ums Leben gekommen wäre, dadurch medizinisch früh Bekanntschaft mit Drogen gemacht hat und sich 45-jährig in der Badewanne den goldenen Schuss setzt. Der Erzähler-Bruder, Bärfuss selbst, bleibt zurück, einsam, und mit der Frage nach dem Warum. Das Bemerkenswerte an „Koala“ ist nun, dass Bärfuss diese zentrale Frage, die ein Suizid immer aufwirft, ins Gegenteil verkehrt: Er fragt nicht, warum sich der Bruder das Leben genommen hat, sondern warum man überhaupt am Leben bleiben soll in einer Gesellschaft, die bestimmt wird von Leistungszwang und Eroberungsdrang. Wer dem nichts entgegensetzen kann, wer selbst nicht drängt und kämpft, wird, muss untergehen. Um das zu zeigen, wählt Bärfuss ein originelles Bild: Er schildert im zweiten Teil des Buches die blutige Geschichte der Besiedelung Australiens, der die Aborigines zum Opfer fallen – und der Koala, jenes seltsam faule Tier, das Angreifern wehrlos begegnet, giftiges Eukalyptus frisst und heute zu den bedrohten Arten zählt. Der Koala, Spitzname und Totem des Bruders bei den Pfadfindern, wird so zum Symbol, das beides zusammenhält: die persönliche Schilderung des Bruderfreitodes und die Auseinandersetzung mit der Frage „Warum am Leben bleiben?“.

Ein rundes, in sich geschlossenes Ganzes ergibt sich so nicht. „Roman“ ist „Koala“ keiner, es ist eher ein sehr emotionaler Essay, entstanden aus einer traumatischen persönlichen Erfahrung, literarisch kunstvoll gearbeitet, gleichnishaft und voller Symbolik. Die Konstruktion des Ganzen ist brüchig, bizarr, tollkühn – aber das macht nichts, denn sie trägt, erstaunlicherweise. Man folgt Bärfuss vom ersten bis zum letzten Satz begierig. „Koala“ ist ein radikales Buch von erstaunlicher Kraft, das kluge Fragen stellt, packend erzählt ist und zutiefst berührt.

Roman Lukas Bärfuss: „Koala“. Wallstein, 220 Seiten, 19.90 Euro.