Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 13.05.2014


Literatur

„Keinesfalls ein Sensationsfund“

Experten sehen die Begeisterung um den vermeintlich neu entdeckten Schnitzler-Text „Später Ruhm“ kritisch.

© Ferdinand SchmutzerArthur Schnitzler.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Bereits vor seinem Erscheinen am kommenden Samstag, 17. Mai, hat die Novelle „Später Ruhm“ für einiges an Aufsehen in der literarischen Welt gesorgt. Schließlich handelt es sich bei der knappen Erzählung um einen bislang unveröffentlichten Text von Arthur Schnitzler. „Ein frühes Meisterwerk“, schreibt der Wiener Zsolnay-Verlag in seiner Ankündigung und weist den schmalen Band mittels schmucker Bauchbinde als „sensationelle Entdeckung“ der Literaturwissenschaftler Wilhelm Hemecker und David Österle aus, die bei Recherchen in der Universitätsbibliothek von Cambridge auf die Trouvaille gestoßen sind.

Die Germanistin und Präsidentin der Wiener Arthur-Schnitzler-Gesellschaft, Konstanze Fliedl, sieht das freilich ein bisschen anders. „Bei der Novelle handelt es sich keinesfalls um einen Sensationsfund“, erklärt sie auf Nachfrage der TT. Dass dieser Text als Teil des umfangreichen, rund 40.000 Seiten starken Schnitzler-Nachlasses seit 1938 in Cambridge liege, sei spätestens seit der Veröffentlichung des Nachlassregisters 1969 bekannt. „Dort wird der Text genauso ausgewiesen wie im Online-Katalog der Sammlung, den das Deutsche Literaturarchiv Marbach seit den 1990er-Jahren anbietet. Allerdings unter der von Schnitzler selbst verwendeten Überschrift ‚Geschichte vom greisen Dichter‘.“ Mit dem jetzigen Titel „Später Ruhm“ habe Schnitzler nur einen vierseitigen Entwurf der Erzählung überschrieben, der bereits 1977 im von Reinhard Urbach in enger Zusammenarbeit mit Schnitzlers Sohn Heinrich herausgegebenen Nachlass-Band „Entworfenes und Verworfenes“ publiziert wurde, so Fliedl.

Auch aus Schnitzlers Tagebüchern kenne man die Novelle vom greisen Dichter, die der spätere Erfolgsautor der Wiener Moderne („Reigen“) im Frühjahr 1894, also ein Jahr vor seinem endgültigen Durchbruch mit dem Schauspiel „Liebelei“, zu Papier brachte.

Diesen Tagebüchern lässt sich zudem entnehmen, dass der Verfasser selbst von der Qualität seiner Erzählung – sie handelt von einem alternden Beamten, dessen dichterisches Frühwerk von Kaffeehausliteraten wiederentdeckt und gefeiert wird – weit weniger überzeugt war als die jetzigen Herausgeber. Fand er sie zunächst „nicht übel gelungen“, taxierte er sie kurz darauf als „hübsch (...), aber im ganzen etwas langweilig“, um sie – rund ein Jahr nach Fertigstellung – mit „höflichstem Missfallen“ in der Schublade zu lassen.

Tatsächlich liest sich „Später Ruhm“ weniger wie das vollmundig angekündigte Meisterwerk, sondern als über weite Strecken etwas bemühter Entwurf, mehr geschwätzige Skizze als ausgearbeitete Erzählung. Vor allem Schnitzlers vielzitiertes psychologisches Gespür, sein scheinbar intuitives Verständnis für die Zustände und Abgründe der menschlichen Seele (um das ihn kein Geringerer als Sigmund Freud beneidete), flackert lediglich in einigen Passagen der Novelle auf. Gegen Ende des Textes zum Beispiel, als der Aufstieg von Schnitzlers Protagonisten Eduard Saxberger nach erfolgreich absolvierter Lesung in einem plötzlich hereinbrechenden Moment tiefer Verzweiflung endet, fühlt man sich unweigerlich an den „Leutnant Gustl“ oder die „Traumnovelle“ erinnert. Vielfach bleibt „Später Ruhm“ aber an der Oberfläche, reiht Schnitzler in seinem Alltag als angehender Autor Abgeschautes an parodistisch anmutendes Kaffeehausgeplauder.

„Diese Novelle“, erklärt Konstanze Fliedl, „zeigt eine Versuchskonstellation, einen Schnitzler-Text im Anfangsstadium. Gerade das macht die Novelle aus literaturwissenschaftlicher Perspektive interessant. Aber ein Meisterwerk ist ‚Später Ruhm‘ genauso wenig wie ein Sensationsfund. Jeder, der sie in der Hoffnung liest, eine neue Meistererzählung von Arthur Schnitzler zu entdecken, wird notgedrungen enttäuscht werden.“

Novelle Arthur Schnitzler: „Später Ruhm“. Zsolnay, 160 S., 18.40 Euro.




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