Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.08.2014


Literatur

Der verletzliche Bulle

In seinem sechsten Abenteuer hadert Major Schäfer nicht nur mit schwierigen Schuldfragen, sondern auch mit der Welt. Und sich selbst.

© Ricardo Herrgotter Tiroler Krimi-Autor Georg Haderer legt mit „Sterben und sterben lasse­n“ seinen sechsten Schäfer-Roman vor.



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Nein – zu einem Menschenfreund ist Major Schäfer noch immer nicht geworden. Daran kann auch die Landluft von Schaching nichts ändern: Denn Trotteln gibt’s auch in der Provinz, in die es den eigenwilligen Griesgram zuletzt verschlagen hat. Weil ihm Wien zu wild war, weil er Abstand von seinen Dämonen brauchte. Doch auch zwischen Wald und Wiesen wird dem Stadtflüchtling mit dem Gespür für Verbrechen nicht fad: Gleich zu Beginn von „Sterben und sterben lassen“, dem sechsten Schäfer-Abenteuer aus der Feder des Tiroler Krimi-Autors Georg Haderer, liegt ein Jogger tot im Busch und sitzt ein Hobby-Jäger zitternd auf einem Baumstumpf – sein Schuss ging gründlich daneben. Oder doch nicht?

Doch das Halali-Desaster wird schon bald zur Nebensache: Schaching wird nämlich von seiner Vergangenheit eingeholt. Und von Frederik Bosch. Knapp 30 Jahre saß der für den Mord an einem kleinen Mädchen hinter Gittern, jetzt will er just dort, wo man ihn hasst wie die Pest, ein neues Leben angefangen. Doch da hat der Ex-Knacki die Rechnung ohne das Dorf gemacht: Halb Schaching will ihm an den Kragen, nur dem Schäfer kommt der Fall komisch vor. Womöglich wird hier ein Unschuldiger gehasst, vielleicht ist der wahre Kindermörder noch immer auf freiem Fuß. Doch nicht nur verzwickte Schuldfragen machen dem Major das Leben schwer: Schäfer muss sich um seine berufliche Existenz sorgen, das Innenministerium will sein Revier schließen. Und was kommt dann? Ein Leben ohne schweißtreibend­e, von Mord-Szenarien gespickt­e Albträume vielleicht? Und dann der Schritt zum Menschenfreund?

Haderer hat mit „Sterben und sterben lassen“ nicht nur einen schlauen und wendungsreichen Krimi geschrieben, sondern auch einen packenden Entwicklungsroman, der um einen verletzlichen Misanthropen kreist, der Angst vorm Zu-zweit-Sein hat, weil er mit sich allein schon schwer zurechtkommt. Diesen Schäfer möchte man rütteln, hin und wieder aber auch knuddeln. Und von Georg Haderer will man hören, dass es bald ein siebtes Abenteuer mit dem Major gibt. Das darf’s noch nicht gewesen sein!

Kriminalroman Georg Haderer: „Sterben und sterben lassen“. Haymo­n, 368 Seiten, 19,90 Euro.