Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 16.10.2014


Literatur

Kunstfertigkeit auf kleinstem Raum

Mit „Schatzkästlein des reinlichen Hausfreundes“ holt Stefan Abermann die Gattung der Kalendergeschichten aus ihrem Schattendasein.

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© Milena



Innsbruck – Nicht erst seit Kalender vornehmlich digital sind, fristet die durchaus honorige Gattung der Kalendergeschichte ein Schattendasein. Ins sprichwörtliche Rampenlicht geholt wird die mal anek­dotische, mal parabelhafte Kürzesterzählung – das mag zunächst seltsam klingen – am ehesten durch performative Formate wie den Poetry Slam: Auch hier ist Prägnanz und sprachliche Kunstfertigkeit auf kleinem Raum, sprich in kurzer Zeit, gefragt.

Der Innsbrucker Autor Stefan Abermann zählt seit gut einem Jahrzehnt zu den Aushängeschildern der noch jungen heimischen Slamszene. 2007 gründete er gemeinsam mit Martin Fritz, Robert Prosser und Markus Koschuh die Lesebühne „Text ohne Reiter“, die schnell zur Institution der Tiroler Literaturlandschaft wurde. Außerdem arbeitet sich Abermann auch an der Erweiterung des klassischen Slam-Formats: Im Frühjahr 2013 beispielsweise veranstaltete er Tirols ersten Gehörlosen Slam.

Eine erste Sammlung von Stefan Abermanns eigenen Slamtexten ist gerade erschienen – und schon der Titel „Schatzkästlein des reinlichen Hausfreundes“ unterstreicht die eingangs ins Feld geführte Verwandschaft von Slam- und Kalendergeschichten (Stichwort: Johann Peter Hebels „Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes“, 1811).

Dabei merkt man Abermanns kurzen Texten durchaus an, dass sie ursprünglich für den Vortrag geschrieben und auf ihre Bühnentauglichkeit geprüft wurden: Sie sind effektvoll inszeniert, kurzweilig und pointenhungrig.

Gemeinhin geht Abermann von einer scheinbar banalen und dementsprechend demonstrativ verallgemeinerten Beobachtung aus und steigert sich mit jedem Satz weiter ins grotesk Abgründige. Dabei jonglieren die Erzählungen mühelos mit Genre-Versatzstücken, brechen permanent mit gängiger Erwartungshaltung und halten so manches erhebende Aha-Erlebnis bereit – vor allem aber sind Abermanns kurze Erzählungen schlicht und ergreifend: lustig.

Mit anderen Worten: Dieses Schatzkästlein ist ein unverzichtbarer Zeitvertreib. Egal ob man gerade auf einen Zug wartet oder auf dem Klo sitzt, man sollte es griffbereit haben. (jole)