Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 23.12.2014


Literatur

Nur noch kurz die Welt retten

Der Klimawandel und die letzten Tricks des Kapitalismus: eine Betrachtung aus der Perspektive von Kunst und Kulturwissenschaften.

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© Steidl Verlag



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „Theoretisch ist uns bewusst, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen.“ Bei diesem Satz aus dem Vorwort von Kunstwissenschaftlerin Andrea Zell könnte man es eigentlich auch gleich belassen. Wäre da nicht die verflixte Praxis: Was den Klimawandel betrifft, scheinen die Gesetze der Logik nicht zu gelten, das bloße Wissen noch lange kein Handeln zu provozieren – das jüngste Ergebnis der Klimakonferenz in Lima hat das einmal mehr unmissverständlich gezeigt.

Das Thema ist bekanntermaßen hochkomplex, der Umgang damit von divergierenden Interessenslagen gesteuert. Von der Politik allein allerdings, heißt es in dem vom Goethe-Institut herausgegebenen Band „Klima Kunst Kultur“, könne man eine Lösung des Problems ohnehin nicht erwarten. Von der Kunst aber wohl auch nicht. Und dennoch lohnt gerade der Blick auf jene Bilder und „Versinnlichungen“, die die Kunst dem Klimawandel abringt. Und angesichts derer klar wird, dass man es mit einer Aufgabe zu tun hat, die alle angeht.

Zu diesen eindringlichen Bildern gehört etwa die 28 Meter lange Skulptur eines gestrandeten Meeresriesen, die der argentinische Künstler Adrián Villar Rojas im Rahmen der „Biennale am Ende der Welt“ im südargentinischen Ushuaia in einen Buchenwald gelegt hat. Ein kolossales memento mori, zugleich imposant und fragil, nicht nur, was die vom Menschen zerstörten Lebensräume der Wale betrifft. Die Ambivalenz zwischen juchzenden Kindern und dem offensichtlich verschlickten Gewässer, in dem sie herumtollen, bestimmt die Fotografien von Michael Tsegaye: Sie sind am Alamaya-See, einst der zweitgrößte See Äthiopiens, entstanden, der durch große Bewässerungsprojekte zunehmend schrumpft. Klima, fragile Ökosysteme, Ausbeutung durch den Menschen: Das Feld ist ungeheuer weit verzweigt und reicht bei der Schwedin Åsa Sonjasdotter bis hin zu aussterbenden Kartoffelsorten, die sie im Rahmen ihrer Ausstellungen wieder anpflanzt.

„Klima Kunst Kultur“ bestimmte in den vergangenen Jahren auch die kulturellen und kulturwissenschaftlichen Programme des Goethe-In­stituts, davon ist vieles in den von Andrea Zell und Johannes Ebert herausgegebenen und bei Steidl betont umweltfreundlich produzierten Band eingeflossen. Es wurden auch Interviews geführt und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen befragt, die, wie etwa Soziologe Ulrich Beck, zumindest feststellen können: Der Klimawandel ist hierarchisch und demokratisch zugleich, weil er Ungleichheiten zwischen Arm und Reich, Zentrum und Peripherie verschärft. Aber zugleich auch aufhebt, denn: „Je größer die Gefahr für den Planeten, desto geringer die Möglichkeit, selbst der Reichsten und Mächtigsten, ihr zu entkommen.“

Freilich muss man auch nur mit Kulturwissenschaftler Thomas Macho, für den der Klimawandel auch Kulturwandel bedeutet, zurück in die Geschichte blicken, um zu erkennen, dass der Mensch seit Jahrtausenden die klimatischen Verhältnisse seiner Umgebung verändert. Die Allgegenwart des Themas Klimawandel wiederum verändert auch den Markt, wie der dänische Künstler Tue Greenfort überaus treffend und dabei auch hart an der Frustrationsgrenze analysiert, wenn er den Klimawandel als „letzten Trick der kapitalistischen Entwicklung“ bezeichnet: Bald werde es – zumindest scheinbar – nur mehr „saubere, gute Produkte“ geben. Einen Systemwechsel aber gebe es nicht.

Eine lohnende Perspektive auf „Klima Kunst Kultur“, die im Klima-Blog des Goethe-Instituts (goethe.de/klima) eine Erweiterung findet. Wohl nicht nur in Australien stecken, wie es dort in einem Beitrag heißt, noch immer „Millionen Köpfe im Sand“.