Letztes Update am Mi, 01.06.2016 16:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Causa Tempelberg

ORF-Recherchepanne wird Fall für die Medienbehörde

Der knapp unterlegene FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer reichte in der Causa Tempelberg Beschwerde bei der Medienbehörde KommAustria ein. Auch der ORF-Publikumsrat diskutierte am Mittwoch über den Vorfall. ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher wies indes Berichte zurück, wonach sie zur Thematisierung von Hofers Israel-Reise im letzten TV-Duell gedrängt worden sei.

Beim letzten TV-Duell zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer (r.) kam es zu einer Recherchepanne des ORF.

© APABeim letzten TV-Duell zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer (r.) kam es zu einer Recherchepanne des ORF.



Wien – Die Recherche-Panne des ORF rund um einen Israel-Besuch des FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer sorgt weiter für Diskussion: Hofer reichte Beschwerde bei der Medienbehörde KommAustria ein. Hintergrund ist eine Israel-Reise Hofers im Jahr 2014 und die Darstellung eines dort von ihm erlebten Vorfalls. Hofer hatte im Wahlkampf behauptet, Zeuge eines vereitelten Terror-Anschlags in der Nähe des Tempelbergs in Jerusalem gewesen zu sein, bei dem eine schwer bewaffnete Frau getötet worden sei.

Der ORF setzt darauf zur Recherche an und ließ im Rahmen des TV-Duells der Hofburg-Anwärter am Donnerstag vor der Stichwahl einen israelischen Polizeisprecher auftreten, der erklärte, solch einen Vorfall habe es an besagtem Tag nicht gegeben. Wahlduell-Moderatorin Ingrid Thurnher konfrontierte Hofer mit den Recherchen, wenig später stellte sich heraus, dass bei einer Schießerei mit Sicherheitsbehörden doch eine Frau getroffen wurde. Eine unbewaffnete jüdische Israelin, laut Medien-Berichten Mitglied einer radikalen Sekte, wurde von der Polizei gestoppt und verletzt.

Thurnher: Wurde nicht gedrängt

„Mich hat niemand gedrängt, und keiner hat mir was angeschafft. Hätte auch gar keinen Sinn. Habe nur –wie bereits bekannt – in dieser Sache der Recherche einer anderen Redaktion vertraut. ‚Streit‘ abgesagt. Und aus“, erklärte die ORF-Moderatorin dazu am Mittwoch via Twitter. Zuvor hatte das Nachrichtenmagazin profil berichtet, dass Thurnher die Causa eigentlich gar nicht thematisieren wollte. „ZiB 2“-Moderator Armin Wolf, der in der Recherche um die Vorfälle federführend war, habe Thurnher in seiner Funktion als stellvertretender Chefredakteur allerdings dazu gedrängt, Hofer mit den Recherchen zu konfrontieren. In der Redaktion habe es deshalb in den vergangenen Tagen heftigen Streit gegeben. Wolf wies diese Darstellung bereits am Wochenende zurück.

Hofer reichte unterdessen über seinen Anwalt Michael Rami Beschwerde bei der KommAustria ein. Der ORF habe den „falschen Eindruck vermittelt, dass der geschilderte Vorfall gar nicht stattgefunden hätte“, so Rami in der Gratiszeitung Heute. Und Thurnher habe versucht, Hofer mit bestimmten Stilmitteln wie Sprechen im Singsang-Ton oder Augenrollen „lächerlich zu machen“. Die Medienbehörde muss nun prüfen, ob der öffentlich-rechtliche Sender das ORF-Gesetz verletzt hat.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Publikumsrat Marschitz: „Journalistischer Supergau“

Zur Sprache kamen die Vorfälle am Mittwoch auch bei einer Sitzung des ORF-Publikumsrats. Der bürgerliche Publikumsrat Walter Marschitz forderte Aufklärung in Sachen Entscheidungskette und sprach von einem „journalistischen Supergau“. Grundsätze wie check, re-check und double-check seien nicht beachtet worden. „Das zwei Tage vor der Wahl in einer entscheidenden Wahldiskussion zu bringen, ist ein Fehler. So etwas kann ja nicht ein kleiner Redakteur entscheiden“, meinte Marschitz in Richtung ORF-Chef Wrabetz.

„Ich war in die Entscheidung nicht involviert. Das ist auch ganz sicher nicht die Aufgabe eines Generaldirektors und auch nicht die der Fernsehdirektorin“, antwortete Wrabetz. Ingrid Thurnher habe sich auch „von niemandem etwas in die Sendung hineindrücken lassen. Allerdings war es das Rechercheergebnis einer anderen Redaktion, und das war unvollständig“, sagte Wrabetz. Dies habe man auch in der „Zeit im Bild“ des nächsten Tages „in einem umfassenden Beitrag richtig gestellt“.

„Unsäglich“ nannte der ORF-Chef die Beschimpfungen und Drohungen gegen ORF-Journalisten im Internet. Man werde jedenfalls „alle rechtlichen Schritte“ gegen entsprechende Postings einleiten und auch nicht akzeptieren, „dass unsere Journalisten von irgendjemandem zum Rücktritt aufgefordert werden“. Insgesamt sei die Wahlberichterstattung des ORF ausgezeichnet gelaufen, betonte Wrabetz. 89 Prozent aller genutzten TV-Minuten zur Bundespräsidentenwahl steuerte der ORF bei, und insgesamt 5,9 Millionen Zuschauer nutzten die Vorwahl- und Wahlberichterstattung des ORF. (APA)