Letztes Update am Fr, 26.08.2016 15:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


60 Jahre „Bravo“

Pickel, Petting, Popmusik: Die „Bravo“ wird 60 Jahre alt

Egal ob Dr. Sommer, der Starschnitt, die Foto-Lovestory oder Freiwillige, die sich nackt fotografieren lassen: Für Millionen Teenager war die „Bravo“ der Inbegriff der Jugend, ein ständiger Begleiter. Jetzt nähert sie sich langsam dem Rentenalter. An diesem Freitag wird sie 60 – und tatsächlich gibt es inzwischen ein paar altersbedingte Gebrechen.

Alle verkauften BRAVO-Exemplare - immerhin 2,68 Milliarden - hintereinander ergeben eine Strecke von 9.391 Kilometern. Eine Strecke von Berlin nach San Francisco.

© Peter Kneffel / EPA / picturedesAlle verkauften BRAVO-Exemplare - immerhin 2,68 Milliarden - hintereinander ergeben eine Strecke von 9.391 Kilometern. Eine Strecke von Berlin nach San Francisco.



München – Fällt das Stichwort Bravo, erntet man auch in der TT-Redaktion gleich allerlei heiter-nostalgische Geschichten, etwa die vom Bruder, der sich das Heft regelmäßig kaufte, woraufhin die Mama mit ebensolcher Regelmäßigkeit die Dr.-Sommer-Seiten herausriss.

Die allererste Ausgabe erschien am 26. August 1956. Damals noch als Film- und Fernsehzeitschrift.
Die allererste Ausgabe erschien am 26. August 1956. Damals noch als Film- und Fernsehzeitschrift.
- Bauer Media Group/BRAVO

Womit man dann auch gleich beim nächsten zentralen Stichwort wäre: Neben dem „Starschnitt“, mit dem einst Millionen Jugendzimmer austapeziert wurden, ist Dr. Sommer so etwas wie ein Bravo-Synonym – auch wenn es den Doktor so nie gegeben hat. Den Sexualaufklärer Martin Goldstein sehr wohl – 15 Jahre lang beriet er in Deutschlands größter Jugendzeitschrift die junge Leserschaft in Fragen von Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Die erste „Sprechstunde“ gab es im Jahr 1969. 2012 starb Goldstein im Alter von 85 Jahren, die Dr.-Sommer-Rubrik gibt es in der Bravo nach wie vor und es trudeln nach Angaben von Bravo-Chefredakteurin Nadine Nordmann 300 Anfragen pro Woche ein. „Was soll ich tun?“, lautete im Übrigen die allererste Frage 1969: Eine 13-Jährige hatte sich in den Busfahrer verliebt.

Die Sittenwächter ruft man damit längst nicht mehr auf den Plan, 1972 allerdings, nach einem Bericht zum Thema Selbstbefriedigung, landete die Bravo auf dem Index.

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Davon war man am 26. August 1956, als die erste Ausgabe erschien, noch denkbar weit entfernt: Vom Cover strahlte Marilyn Monroe neben dem Titel „Haben auch Marilyns Kurven geheiratet?“, im Heft selbst wurde u. a. über die Premiere des Films „Hauptmann von Köpenick“ („ein Bombenerfolg“) oder die „Stars von heute“ (in diesem Falle Karl-Heinz Böhm) berichtet. Von der Film- und Fernsehzeitschrift entwickelte sich das Heft rasch zum Musikmagazin, das unter anderem die Konzerttournee der Beatles 1966 organisierte.

1956 startete Bravo mit einer Auflage von 64.000 Exemplaren, bis Anfang der 90er-Jahre stieg diese auf mehr als 1,5 Millionen an. Mitte der 90er kam dann die Zäsur – die Auflage brach drastisch ein und liegt heute bei 130.000 Exemplaren. 2001 ging bravo.de online, die digitalen Kanäle wurden auch angesichts schwindender Printleserschaft immer intensiver genutzt. Inzwischen erscheint die Zeitschrift nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle 14 Tage.

Die erste Foto-Lovestory erschien 1972.
Die erste Foto-Lovestory erschien 1972.
- Bauer Media Group/BRAVO

„Die Bravo ist konservativ“

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: „In Zeiten vor Facebook, Twitter und Instagram musste man als Fan „Bravo“ lesen, um zu wissen, was bei den Lieblingsstars los ist“, sagt Alex Gernandt, der ehemalige Chefredakteur der Jugendzeitschrift, für die er 25 Jahre lang gearbeitet hat. „Heute ist das natürlich völlig anders, weil die Stars alle selbst aktiv sind. Justin Bieber, Miley Cyrus, Rihanna oder auch die Fußballstars informieren ja mehrmals täglich über Social Media, was bei ihnen gerade Sache ist.“

„Früher hatte die „Bravo“ quasi ein Monopol auf das Privatleben der Stars“, sagt auch Nora Gaupp vom Deutschen Jugend-Institut in München. „Man hatte nur dort die Möglichkeit, rauszufinden, was die Backstreet Boys zu Abend essen und ob Michael Jackson Haustiere hat.“

Sie sieht aber noch ein ganz anderes Problem: „Die „Bravo“ ist konservativ“, sagt sie. Sexuelle Vielfalt, moderne Geschlechterrollen, Jugendliche unterschiedlicher Hautfarbe – Fehlanzeige. „Junge Frauen haben schön, schlank, dünn, gepflegt zu sein, Männer haben stark und sportlich zu sein.“ Alles sei „brav nach Geschlechterstereotypen sortiert“, sagt sie.

Vom jüngsten Cover lächeln die Stars der heutigen "Bravo"-Generation: YouTuber.
Vom jüngsten Cover lächeln die Stars der heutigen "Bravo"-Generation: YouTuber.
- Bauer Media/BRAVO

Gaupp kann sich aber trotzdem vorstellen, dass die Zeitschrift noch ein paar Jährchen vor sich hat - und sei es als Anschauungsobjekt für Eltern, die etwas über ihre Kinder erfahren wollen. „Ich denke, dass die „Bravo“ immer noch ein Ort ist, an dem die Erwachsenenwelt sich versichern kann, mit wem wir es zu tun haben“, sagt Gaupp - und: „Totgesagte leben länger.

Die jüngste Ausgabe – übrigens die 3079. – des Heftes zieren mit den „Lochis“ die Stars von heute: Youtuber. „Stars aus den sozialen Medien sind die Idole der heutigen „Bravo“-Generation“. Dort ist die „Bravo“ auch stark vertreten. In den sozialen Medien ist die „Bravo“ die stärkste Medienmarke, betont die heutige Chefredakteurin Nadine Nordmann. (TT.com jel, dpa)