Letztes Update am Fr, 26.08.2016 15:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


60 Jahre „Bravo“

Ex-Chefredakteur Gernandt: „Die ‚Bravo‘ ist eine Legende“

Alex Gernandt war 25 Jahre lang „Mr. Bravo“. Der Musikjournalist hat für die Jugendzeitschrift allein 16 Mal Michael Jackson getroffen. Heute betrachtet er die „Bravo“ von außen. Trotz Auflagenschwunds ist sie für ihn nicht weniger als „eine Legende“.

Ex-"Bravo"-Chef Alexander Gernandt.

© Sven Hoppe/dpa/picturedesk.comEx-"Bravo"-Chef Alexander Gernandt.



München – Ein Vierteljahrhundert lang drehte sich bei Alex Gernandt (50) alles um die „Bravo“. Von 1988 bis 2013 arbeitete der Musikjournalist für die legendäre Jugendzeitschrift – zuletzt sogar als Chefredakteur. Er interviewte allein Michael Jackson 16 Mal und erlebte eine Zeit, in der die „Bravo“ eine Auflage von 1,7 Millionen und bis zu sechs Millionen Leser hatte. Diese Zeiten sind lange vorbei. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München erklärt Gernandt, woran das liegt – und was die Misere mit Justin Bieber zu tun hat.

Haben Sie alle „Bravo“-Ausgaben zu Hause?

Alex Gernandt: Nein, aber die aus meiner Zeit - von 1988 bis 2013 - habe ich gesammelt. Das sind schöne Erinnerungen. „Bravo“ war immer mehr als ein Job für mich. Ich war Überzeugungstäter, und das war ja fast sowas wie eine Lebensaufgabe. „Bravo“ hatte für mich in der Jugend einen ganz besonderen Stellenwert, ich war selbst begeisterter Leser. Und im Job habe ich später alle meine Rock-Heroen treffen dürfen, etwa Deep Purple, Led Zeppelin, AC/DC, Black Sabbath... 

Fehlt Ihnen jemand in Ihrer Sammlung?

Gernandt: Ja, Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones. 2Pac und Eminem hätte ich auch gern mal interviewt. 

Die Rolling Stones auf dem „Bravo“-Cover - das wäre heute wohl undenkbar...

Gernandt: Ja, der Jugendwahn hatte irgendwann auch „Bravo“ erreicht. Ich habe zu meiner Reporter-Zeit noch Paul McCartney interviewt, Tina Turner, Joe Cocker, Phil Collins, Brian May von Queen. Die waren damals alle schon Ü40, aber trotzdem noch Thema für „Bravo“. Für Jugendliche spielte das Alter damals noch keine so große Rolle. Das hat sich gewandelt Anfang 1994, als Viva den Sendebetrieb aufnahm. Die haben vermehrt deutsche und jüngere Künstler gespielt. Da kam dann Techno und Euro Dance, und wir mussten uns anpassen. „Bravo“ war immer Bindeglied zwischen Künstler und Fan. In Zeiten vor Facebook, Twitter und Instagram musste man als Fan „Bravo“ lesen, um zu wissen, was bei den Lieblingsstars los ist. Heute ist das natürlich völlig anders, weil die Stars alle selbst aktiv sind. Justin Bieber, Miley Cyrus, Rihanna oder auch die Fußballstars informieren ja mehrmals täglich über Social Media, was bei ihnen gerade Sache ist.

Warum hat die Marke „Bravo“ heute nicht mehr den Stellenwert von früher?

Gernandt: Zeiten ändern sich und damit auch die Mediennutzung. Wenn man früher einen Artikel für „Bravo“ geschrieben hatte, lasen den bis zu sechs Millionen Leser. Die Zeitschrift wurde wöchentlich über eine Million Mal verkauft und ging dann im Schnitt durch vier bis fünf Hände. Damit hatte man eine gewaltige Reichweite - und auch eine große Verantwortung. Aber „Wetten, dass..“ hatte vor 20 Jahren auch noch 13 Millionen Zuschauer.

Wie wichtig ist „Bravo“ die Arbeit des Dr. Sommer-Teams?

Gernandt: Noch immer extrem wichtig. Dr. Sommer wurde früher von vielen Eltern verteufelt, aber insgeheim waren viele froh, dass es jemanden gab, der die Kinder aufklärt, und sie es nicht selbst machen müssen. Deutschland liegt in Sachen Teenager-Schwangerschaften weit hinter Ländern wie Frankreich oder Großbritannien, und ich denke schon, dass Dr. Sommer dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt - auch heute noch.

Gerade in den 1990ern hat „Bravo“ Karrieren von Boybands oder Gruppen wie der Kelly Family befeuert...

Gernandt: „Bravo“ war in der Tat immer auch Star-Macher. Das ging gleich 1956

57 mit Elvis Presley los, dann kamen die Beatles. Manche erinnern sich an die „Bravo Beatles Blitz-Tournee“ 1966. Bravo war das erste Medium, das über den „King“ und die „Fab Four“ berichtet hat. In den 1970ern waren ABBA groß, in den 80ern gab es die Neue Deutsche Welle mit Nena und die Boybands der 1990er waren auch 100-Prozent-Themen für „Bravo“. Wir haben die Backstreet Boys und Justin Timberlake mit N‘SYNC unterstützt. Timberlake kam damals als 15-Jähriger noch in Begleitung seiner Mutter nach Deutschland, die auf ihn aufgepasst hat. Wir haben später auch etwa Britney Spears und Rapper Sido medial entdeckt, ebenso Tokio Hotel und Take That. Robbie Williams und Co. haben sogar 1992 auf unserer internen Weihnachtsfeier im Künstlerhaus in München gesungen.

Und was ist dann mit „Bravo“ passiert?

Gernandt: Irgendwann kamen Social Media und Justin Bieber. Justin Bieber hat unglaublich polarisiert - die eine Hälfte war für, die andere gegen ihn. Dann ging es los mit Facebook-Kommentaren und dem Dissen von Stars. Facebook hat den Jugendlichen eine weitere Stimme gegeben. Wenn die „Bravo“ früher propagierte: „Backstreet Boys, die neue Super-Gruppe aus den USA“ - dann wurde das angenommen. Heute haben sich die Kids emanzipiert, sind viel selbstbewusster und haben über Social Media Kanäle gefunden, sich selbst zu inszenieren und ihre Meinung öffentlich kundzutun. Das Angebot wurde fragmentierter, und das hat es für „Bravo“ nicht einfacher gemacht.

Was sind rückblickend die Highlights Ihrer „Bravo“-Karriere?

Gernandt: Da gab es einige. Ich war bei Shakira in Miami zu Hause,  durfte mit Celine Dion im Privatjet fliegen, habe Beyoncé mehrfach interviewt. Aber das Highlight meiner Karriere war natürlich die Zusammenarbeit mit Michael Jackson, mit dem ich 16 Mal unterwegs war, zum Beispiel beim Dreh des „Scream“-Videos. Ich erinnere mich auch gern an die Reportage über Michael Jackson in den Slums von Rio, als er dort das Video zu „They Don‘t Care About Us“ gedreht hat. Das waren spannende Zeiten.

Wie lange geht das noch gut mit der „Bravo“?

Gernandt: Ich bin ja kein Hellseher. Ich drücke „Bravo“ alle Daumen. „Bravo“ ist ein Phänomen und eine Legende in der deutschen Medienlandschaft und hat es über sechs Jahrzehnte geschafft, relevant zu bleiben. 

Das Interview führte Britta Schultejans, dpa