Letztes Update am Fr, 03.11.2017 16:51

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Bewegend oder geschmacklos? Saturn polarisiert mit Werbespot

Der Technik-Anbieter Saturn macht Werbung mit Demenz – und spaltet damit die Gemüter. Während die einen zu Tränen gerührt sind, sehen andere eine schwere Krankheit verharmlost. Der emotionale Werbeclip stammt von keinem Unbekannten.

© YouTube/Screenshot"Anna" wagt einen ungewöhnlichen Versuch, ihren demenzkranken Vater – und sich selbst – wieder zum Lachen zu bringen. Dafür gibt es Millionen Klicks auf YouTube.



Innsbruck – Teilnahmslos sitzt der alte Mann in seinem Stuhl. Die Frau neben ihm ist seine Tochter Anna – doch er erkennt sie nicht. Er reagiert auf nichts. Der Mann leidet an Demenz, und auch seine Tochter hat damit zu kämpfen. Unter Tränen verlässt sie das Pflegeheim. Zuhause fasst Anna einen Entschluss – sie will die Erinnerungen wieder zurückholen. Was sie dann tut, spaltet derzeit die Gemüter im WWW.

Mit dem neuen Werbespot will der Elektronikhändler Saturn den Menschen zeigen, wie Technik das Leben lebenswerter machen kann. Darum bringt Anna ihrem Vater tags darauf eine Virutal-Reality-Brille mit. Als der betagte Herr diese aufsetzt, spielen sich vor seinen Augen Szenen aus der Vergangenheit ab. Er sieht das alte Wohnhaus, in dem die Familie einst lebte. Er sieht Anna als Kind und seine verstorbene Ehefrau. Er lächelt, nimmt die VR-Brille ab und flüstert: „Anna, mein Liebling“. Dann fallen sich die beiden in die Arme. Untermalt wird das Ganze von neu interpretierter Herzschmerz-Musik aus dem Hause Elvis Presley.

Sensibles Thema, emotionale Diskussion

Während die einen hingerissen von so viel Emotionalität sind, sehen andere eine schwere Krankheit verharmlost. Viele Kommentatoren auf Facebook werfen dem Unternehmen mangelndes Feingefühl vor. „Krankheiten kann man nicht mit einer VR-Brille lösen“, schreibt eine Nutzerin. Vor allem Betroffene mit demenzkranken Angehörigen scheinen sich von dem Spot missverstanden zu fühlen.

Die Reaktionen schlagen aber auch in die andere Richtung aus. Viele sehen in der Werbung einen wichtigen gesellschaftlichen Ansatz angesprochen. So mancher Zuseher ist gar zu Tränen gerührt. „Ich habe fast geheult,. Das schaffen sehr wenige Filme und erst recht keiner in 1 1/2 Minuten“, schreibt etwa ein Nutzer auf YouTube.

Saturn reagierte auf die Kritik. Der Spot sei „intern intensiv diskutiert“ worden, teilte eine Sprecherin mit. Schließlich wolle das Unternehmen „die Gefühle von Angehörigen von erkrankten Menschen respektieren und sie nicht verletzen“.

„Heimkommen“-Regisseur federführend

Dass der Werbespot so kontrovers diskutiert wird, schlägt sich auch in den Aufrufzahlen nieder. Auf YouTube verzeichnete der Clip in den ersten 28 Stunden bereits 1,6 Millionen Aufrufe. Damit schoss das Video im Nullkommanix auf Platz eins der Trends in Deutschland. Mittlerweile (nach zwei Tagen) kratzt der Zähler an der 2-Millionen-Marke.

Der Werbeagentur „Jung von Matt“ scheint damit ein weiterer großer Coup sicher. Die Hamburger landeten bereits 2015 mit der Edeka-Werbung „Heimkommen“ einen Viral-Hit (mittlerweile 56,8 Mio. Aufrufe). In dem Clip lockte ein Großvater seine Familie an Weihnachten in seine Heimat, indem er seinen eigenen Tod vorgaukelte. Leitender Regisseur war damals Alex Feil – deren Handschrift nun auch die Saturn-Kampagne trägt.

Die Kampagne besteht aus vier Werbespots, die Themen wie Ehe, Angst und Hilfbereitschaft aufgreifen. Sie tragen die Namen „Monster“, „Lichter“, „Schlaflos“ und eben „Anna“ und zeigen emotionale Situationen im Leben eines jeden Menschen – vom Monster unterm Bett des Kindes bis hin zum Heiratsantrag. Laut Saturn sollen so technische Produkte anhand von emotionalen menschlichen Erlebnissen „erlebbar“ gemacht werden. (tst)