Letztes Update am Do, 14.06.2018 06:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Wenn ein TV-Star vor der Tür steht

Puls-4-Infochefin Corinna Milborn erklärt in „Change the Game“, wie manipulativ Facebook und Google sind und welche Gefahr dies für die Demokratie darstellt. In Innsbruck hatte die Tirolerin ein Heimspiel.

© Rudy De MoorEine Medienkooperation Puls 4 und TT: Die Innsbruckerin Corinna Milborn meint, europäische Medien sollten an einem Strang ziehen, um sich gegen US-Konzerne zu wehren.



Innsbruck – Ein Wiener Familienvater staunte nicht schlecht, als plötzlich Corinna Milborn vor seiner Türe stand. Der Mann hatte die TV-Moderatorin auf Facebook übelst beschimpft und sie wollte herausfinden, warum. Sein Nachrichtenkanal auf Facebook war einseitig bestückt mit fremdenfeindlichen Meldungen. „Bei den Nachrichten hätte man tatsächlich meinen können, ein Bürgerkrieg bricht aus.“ Für Milborn ein Beispiel, wie einseitig und manipulativ Facebook ist und wie es das soziale Miteinander vergiftet. „Dem Mann war das dann alles sehr zu blöd. Auch, dass er die Nachrichten auf Facebook alle geglaubt hat“, erzählt Milborn am Dienstagabend in der Wagner’schen Buchhandlung in Innsbruck.

In Österreichs Medienszene ist Corinna Milborn eine der wenigen Frauen in einer Chefredakteursposition. Denn so wie in anderen Branchen auch gibt es zwar viele Frauen auf Redakteursebene, aber wenige auf dem Chefsessel. Die 45-jährige Innsbruckerin ist Informationschefin des Privatsenders Puls 4. Am Dienstagabend gab sie ein Heimspiel und stellte ihr neues Buch, das sie zusammen mit Mediengründer Markus Breitenecker geschrieben hat, vor.

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Sie meinen in Ihrem Buch, dass es wichtig ist, die Monopole von Google und Facebook zu zerschlagen. Kommt das nicht etwas zu spät bei der Übermacht, die die US-Konzerne haben?

Corinna Milborn: Wir haben tatsächlich in den letzten zehn Jahren übersehen, was für eine Macht im Silicon Valley aufgebaut wurde. Vor zehn Jahren waren die weltgrößten Firmen Ölfirmen und Banken, heute sind es die Tech-Unternehmen. Die sind deshalb so wertvoll, weil sie Daten gesammelt haben. Uns allen war nicht bewusst, wie wertvoll Daten sind, wie viel wir hergeben von uns und schon gar nicht war uns bewusst, was die Konzerne mit unseren Daten anstellen. Das macht die Tech-Firmen mächtig, mächtiger als Staaten. Trotzdem ist es noch nicht zu spät, etwas zu tun.

Anders als die USA, aber auch China, hat Europa diese Entwicklung verschlafen und kann den Meinungsmonopolen nichts gegenüberstellen.

Milborn: Ich halte es für überlebenswichtig für unsere europäische Gesellschaft und unser Wertesystem, etwas zu tun. Das klingt so retro-nationalistisch, aber es ist eigentlich das Gegenteil. Die Infrastruktur der Macht liegt in Ländern, die ein anderes Wertesystem haben und die Macht muss man sich zurückholen. Das geht noch, wenn man es wirklich will.

Der Tenor bei der Medien­enquete des Bundeskanzleramtes letzte Woche und jener in Ihrem Buch ist, Österreichs Medien sollten sich nicht im Konkurrenzkampf untereinander aufreiben, sondern gemeinsam gegen die Giganten vorgehen. Ist das nicht eine Utopie?

Milborn: Wenn man sich die österreichische Mediendiskussion anschaut, hat man das Gefühl, man ist im Krieg der Gartenzwerge gelandet. Markus Breitenecker nennt immer das Beispiel: Wenn die Erde vom Mars angegriffen würde, dann würden sich auch alle Staaten gegen den Feind von außen zusammenschließen. Es gibt Beispiele für Medienkooperationen, wo versucht wird, den Giganten die Stirn zu bieten. Das muss auf europäischer Ebene passieren, Österreich ist dafür zu klein.

Change the Game

Das Buch: Im Silicon Valley haben einige wenige Tech-Giganten globale Medienmonopole aufgebaut. „Change the Game“ zeigt auf, wie manipulativ Facebook und Co. vorgehen und was das für Demokratien bedeutet.

Die Autoren: Puls-4-Informationschefin Corinna Milborn und Mediengründer Markus Breitenecker analysieren die globale Medienwelt auf 326 Seiten.

Sie haben sich auf Facebook ein Duell mit Extremsportler Felix Baumgartner geliefert und damit Facebook, also die Konkurrenz, unterstützt. Würden Sie das heute auch so machen?

Milborn: Ja, vermutlich schon. Aber ich habe heute einen viel restriktiveren Zugang zu Facebook. Ich gehörte auch zu den Leuten, die den Hinweis auf den Datenschutz abtaten. Aber der Satz „Ich hab’ nichts zu verbergen“, der stimmt einfach nie. Google, Amazon und Facebook kennen uns besser als wir uns selber. Sie kennen unsere Vorlieben und meinen, unseren Charakter zu kennen. Das holen sie nicht so sehr aus unseren eigenen Daten. Es interessiert sie nicht, mit wem du gerade eine Affäre hast oder wer deine beste Freundin ist, sie interessieren sich für Korrelationen. Wenn man krank oder psychisch labil ist, sieht Facebook das an der Art, wie man postet, wie man schreibt oder welche Fotos man auswählt. Man selbst merkt das gar nicht, aber der Algorithmus stellt diese Korrelationen her.

Wie manipulativ ist Facebook darüber hinaus?

Milborn: Facebook funktioniert wie ein Massenmedium und wählt Nachrichten aus, die der jeweilige Benutzer sehen soll und vermeintlich auch sehen will. Nachrichten werden so ausgesucht, dass sie die meisten Reaktionen auslösen und die Aufmerksamkeit möglichst lange binden. Daher werden Extreme, Lügen und Hass stark verbreitet. Das lässt die Wut in der Gesellschaft steigen. Es wird alles gereizter. Es entstehen Filterblasen und der gemeinsame Boden für einen demokratischen Diskurs geht verloren.

Ist es nicht umso erstaunlicher, dass sich etablierte Medien mit dem Vorwurf „Lügenpresse“ konfrontiert sehen und Facebook alles geglaubt wird?

Milborn: Der Lügenpresse-Vorwurf ist ganz klare Propaganda und kommt von rechter Seite. Das wundert mich nicht. Medien haben Anknüpfungspunkte für diesen Vorwurf geliefert, weil es zwischen Medien, Wirtschaft und Politik eine gewisse Nähe gibt. Facebook ermöglicht ano- nyme Propaganda, die sehr gut darin ist, Leute zu verunsichern. Es ist keine platte Werbung, sondern es werden Zweifel gesät. In Russland sitzen in so genannten Troll-Fabriken Hunderte Mitarbeiter, die nichts anderes tun, als in europäischen Foren herumzuschreiben. Mich wundert es sehr, dass das alles erlaubt ist.

Sie fordern, Facebook zu regulieren und es dem Mediengesetz zu unterwerfen. Was brächte das?

Milborn: Ein Schlüssel zur Kontrolle wäre es, Facebook, YouTube und Co. als Medium zu behandeln. Aus der Geschichte wissen wir, dass unregulierte Massenmedien gefährlich sein können. Dinge wie Flugblätter spielten bei Hexenverbrennungen eine wichtige Rolle. Die Möglichkeit, jemanden massenhaft zu verleumden, der sich nicht wehren kann, hat auch im Nationalsozialismus gewirkt. Medien dürfen niemanden beschuldigen, ohne dass der Beschuldigte Stellung nehmen kann. Es gibt Regeln, die einzuhalten sind und die sollen plötzlich für globale Massenmedien nicht gelten?

Google, Facebook und Co. wehren sich erfolgreich, als Medium behandelt zu werden. Ist deren Lobbying zu stark?

Milborn: Es gibt Länder, die profitieren von den Tech-Firmen, so wie Irland. Dort sind die Tech-Europazentralen angesiedelt und deshalb blockiert Irland sehr viel. Zudem ist es eine neue Technik, die Politikern von jenen erklärt wird, die aus diesen Konzernen kommen. Auf der anderen Seite sind europäische Medienkonzerne sehr zerspargelt. Die ganz großen Medienkonzerne wie der Springer Verlag haben einen Lobbyisten in Brüssel. Google hat jeden Tag ein Treffen mit der Kommission.

Im Buch wird der Einfluss von Facebook auf den Ausgang der US-Wahlen geschildert. Ist es nicht auch deshalb möglich, dass Donald Trump Präsident wird, weil sich immer weniger für Politik interessieren?

Milborn: Ich bemerke in Österreich nicht, dass Menschen sich weniger für Politik interessieren. Eher das Gegenteil. Wir haben sehr gute Zuschauerzahlen bei unserer Politikberichterstattung. Die Frage ist, wo sich die Leute die Informationen herholen.

Das Gespräch führte Anita Heubacher

Puls-4-Informationschefin Corinna Milborn stellte sich den Fragen von TT-Chefreporterin Anita Heubacher (l.) und jenen des Publikums, das zahlreich in die Wagner'sche Buchhandlung gekommen war.
- Rudy De Moor