Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.06.2018


Exklusiv

Georg Stefan Troller im Interview: Selbsterkenntnis im Gespräch

Der gebürtige Wiener Georg Stefan Troller floh 1938 über Frankreich in die USA. Heute lebt der „Meister des Interviews“ als Amerikaner in Paris. Die TT hat mit ihm über seine Vorliebe für den Abgrund und über sein neues Buch gesprochen.

© Norbert SchmidtGeorg Stefan Troller, geboren 1921 in Wien, wurde durch die ARD-Sendung „Pariser Journal“ bekannt. Seine betont subjektive, einfühlsame Interviewführung machte ihn zum Vorbild für zahlreiche Journalisten.Foto: Schmidt



Sie haben im Laufe Ihres Lebens sehr viele Interviews mit prominenten Persönlichkeiten geführt. Zum Beispiel mit Woody Allen, Edith Piaf oder Roman Polanski. Einige Gespräche kann man in dem Band „Ihr Unvergeßlichen" nachlesen. Sie schrieben darin: „Von keinem ging ich fort ohne innere Bereicherung." Wie genau haben Sie diese Gespräche bereichert?

Georg Stefan Troller: Natürlich war es in erster Linie ­eine Bereicherung hinsichtlich der Menschenkenntnis, vor allem auch die Einsicht, dass es keine idealen Menschen gibt, obwohl der Drang der Journalisten, ideale Charaktere vorzustellen, immer wieder durchbricht. Meine Aufgabe musste sein, ein facettenreiches Bild einer Persönlichkeit zu zeigen, und ich wollte dem Publikum einen möglichst authentischen Eindruck von meinen Interviewpartnern vermitteln.

Woody Allen kommt in einem ihrer Fernsehinterviews nicht besonders gut weg. Er reagierte auf Ihre Fragen abweisend und gereizt. Wie kam diese Stimmung zustande?

Troller: Zunächst möchte ich sagen, dass ich ein großer Bewunderer von Woody Allen bin. Ich habe versucht, ihm das begreiflich zu machen, aber er hatte keine Lust, von mir bewundert zu werden. Das hat er mir deutlich gemacht. Trotzdem faszinierte er mich. Ich wollte diese ­eigentümliche Mischung, aus der dieser Mensch besteht, herausstellen. Er ist eine höchst ambivalente Persönlichkeit. Ich spürte bei ihm verborgene Schwächen oder Passionen, über die er nicht redet oder reden würde, aber ich konnte das herausspüren, und er hat gemerkt, dass ich das herausspürte. Während er sonst von vielen Bewunderern angegangen wird, die ihm versichern, wie toll er ist, habe ich das nicht getan. Und auch das hat er sofort bemerkt. Damit wurde er noch ablehnender, als er es ohnehin schon war. So habe ich einen Film machen müssen, der auch viel Negatives über ihn preisgab.

Wenn man jemanden interviewt, dann will bzw. muss man eigentlich etwas über den anderen in Erfahrung bringen. Sie sagen aber genau das Gegenteil: „Im Erforschen und Beschreiben fremder Menschen konnte ich zu mir selbst gelangen." Wie kommt das?

Troller: Es kommt, glaube ich, letztlich aus einer Identitätsschwäche, die bei mir vom Exil her stammt. Mir erging es wie vielen Emigranten. Man weiß am Ende gar nicht mehr, wer man ist, weil man auch von außen keine Bestätigung bekommt. In dieser Situation bin ich Journalist geworden. Bei den Interviews, die ich führte, war ich deshalb nicht nur darauf aus herauszustellen, wie mein Gegenüber ist, sondern ich wollte auch etwas von ihnen lernen, und zwar dieses bedingungslose Zu-sich-selbst-Stehen, das gerade bei Prominenten sehr deutlich sichtbar ist. Die Leute sind alle von sich eingenommen. Ich wollte lernen, wie das ist, wenn man von sich eingenommen ist. Das war der verborgene Anreiz, diese Interviews zu führen.

Sind Sie jetzt von sich eingenommen?

Troller: (lacht) Nicht im Sinne von Eitelkeit oder Überwertigkeitsgefühlen. Eher in dem Sinn, sich selbst hinzunehmen. Zu sich selbst zu stehen, unabhängig zu sein von der Meinung anderer. Das musste ich lernen. Nach zweitausend Interviews ist mir das auch gelungen.

Ihr neues Buch „Ein Traum von Paris" (Corso Verlag) ist ein Erinnerungsband mit frühen Texten über und Fotografien über und von Paris. Sie schreiben in einem Text, dass Sie „dieses zum Tod verurteilte Paris der alten Vorstädte, dessen Spuren jetzt so versessen getilgt werden wie Falten in der Schönheitschirurgie", fasziniert. Warum waren Sie so oft auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs, wie Sie selbst sagen, als „Bildchronist der kleinen läppischen aussterbenden Dinge"?

Troller: Es liegt 60 Jahre zurück. Es ist nicht ganz einfach, sich in die Stimmung jener Zeit, auch in die eigene Persönlichkeit jener Zeit, zurückzuversetzen. Was mich damals sicher reizte, war, dass dieses Alt-Paris, das ich über so viele Jahre fotografierte, bald nicht mehr existieren würde. Ich war gewissermaßen Zeuge der letzten ländlichen Pariser Dorfgemeinschaften. Damals sagte man, Paris bestünde aus einzelnen Dörfern. Das ist heute nicht mehr der Fall. Das Leben dieser Menschen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihre Kinder etc. hatten für mich etwas Bühnenhaftes. Als Theaterwissenschafter assoziierte ich mit diesen verfallenen Häusern Bühnenkulissen, die unter Beibehaltung des Alten ständig erneuert wurden. Rückblickend waren diese Begegnungen wie Theatervorstellungen, denen ich mit dem Wissen beiwohnen durfte, dass sie nicht mehr lange existieren würden.

Ihre Texte handeln von Obdachlosen, Betrunkenen, von Außenseitern. Sie interessieren sich für den menschlichen Abgrund. Ist das Glamouröse denn langweilig? Ist die Oberfläche für Sie nicht interessant?

Troller: (lacht) Jedes Leben ist einzigartig, jedes Leben ist interessant. Das Leben der kleinen Leute allerdings wird oftmals nicht beachtet, das läuft eher nebenher. In den Medien kommen nur Berühmtheiten zum Zug, die anderen bleiben anonym. Gerade diese Anonymen haben mich interessiert, jene also, die nie eine Stimme hatten. Menschen, die eigentlich kaum etwas beitrugen, als ihren eigenen Lebensstil auszuleben. Diesen Lebensstil wollte ich zeigen.

Die Schwarz-Weiß-Fotos und die Texte dieses Bandes sind vor vielen Jahrzehnten entstanden. Was treibt Sie heute um? Schreiben und fotografieren Sie noch?

Troller: Derzeit schreibe ich an einem Artikel, der heißt „Die Comics meines Lebens". Comics begeistern mich schon seit meiner Kindheit. Sie haben für mich etwas Unwiderstehliches an sich. Da­rüber wollte ich schreiben. Ich besitze ein Handy, mit dem ich auch Fotos machen kann, aber ich fotografiere nicht mehr mit dieser Intensität wie früher. Höchstens meine Familie, noch lieber meinen eigenwilligen Kater.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl