Letztes Update am Mi, 29.05.2019 06:13

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


US-Medien

Ein Suchender nach Wahrheit: David Barstow im TT-Interview

Journalist David Barstow ist Aufdecker der New York Times und vierfach mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Im Gespräch mit der TT in New York schildert Barstow, wie es ist, sich mit Präsident Donald Trump anzulegen.

David Barstow führt TT-Redakteur Markus Schramek durch den Newsroom der New York Times in Manhattan. Bald kommt Barstow nach Tirol.

© SchramekDavid Barstow führt TT-Redakteur Markus Schramek durch den Newsroom der New York Times in Manhattan. Bald kommt Barstow nach Tirol.



Von Markus Schramek

New York, Innsbruck – Im Filmgeschäft ist der Oscar die höchste Auszeichnung. Für Journalisten ist es der Pulitzer-Preis. David Barstow, Investigativreporter der New York Times, hat heuer schon seinen vierten Pulitzer-Preis gewonnen. Der US-Amerikaner des Jahrgangs 1963 deckte mit zwei weiteren Mitarbeitern auf, dass es Donald Trump samt Familie in den 80ern und 90ern mit dem Steuerzahlen nicht so genau genommen hatte. Mindestens 500 Millionen Dollar soll der heutige US-Präsident der Finanz vorenthalten haben.

Barstow berichtet am 12. Juni in Innsbruck über den Fall Trump (Details dazu im Kasten unten). Die TT traf den renommierten Journalisten in New York vorab zum Gespräch: im Redaktionsgebäude der New York Times an der 8th Avenue in Manhattan. In diesem Wolkenkratzer, mit 319 Metern einer der höchsten New Yorks, belegt die Zeitung 27 von 52 Stockwerken.

Auf diesem Foto richtet der Ausnahme-Journalist nach Erhalt seines vierten Pulitzer-Preises eine Dankadresse an die Kollegen im Newsroom.
Auf diesem Foto richtet der Ausnahme-Journalist nach Erhalt seines vierten Pulitzer-Preises eine Dankadresse an die Kollegen im Newsroom.
- NYT

Herr Barstow, hat sich der Skandal um das Ibiza-Video im kleinen Österreich bis nach New York herumgesprochen?

David Barstow: Ja natürlich, die Strache-Story ist auch bei uns medial bekannt geworden. Das Video ist definitiv berichtenswert. Würde mir eine solche Aufnahme zugespielt und kein Zweifel an deren Echtheit bestehen, würde ich natürlich darüber berichten. Selber setze ich aber niemals ein Täuschungsmanöver ein, um an eine Story zu gelangen. Ich arbeite nie mit versteckter Kamera. Die großen TV-Stationen in den USA tun das aber oft.

Sie haben sich zuletzt 18 Monate lang mit Präsident Donald Trump beschäftigt. Mit welchem Resümee?

Wolkenkratzer der New York Times in der 8th Avenue.
Wolkenkratzer der New York Times in der 8th Avenue.
- Schramek

Barstow: Trump ist heute die mächtigste Person der Welt. Schon bevor er Präsident wurde, war er der medien-hungrigste Milliardär überhaupt. Er suchte ständig Kontakt. Es wird schwierig sein, einen Journalisten in New York zu finden, der Trump nicht interviewt hat. Auch als Präsident kann Trump von den Journalisten nicht lassen, obwohl er ständig auf sie schimpft. Es ist eine seltsame Hassliebe.

Sie haben Trumps Finanzen durchleuchtet und sind auf große Ungereimtheiten gestoßen, um es höflich zu formulieren.

Barstow: Wir hatten noch nie einen Präsidenten, der gleichzeitig Chef eines riesigen Business-Imperiums ist. Daraus entstehen viele mögliche Interessenskonflikte. Ich und meine beide Reporterkollegen haben versucht, den finanziellen Hintergrund Trumps Schicht um Schicht freizulegen. Wir kamen zu diesem Ergebnis: Trump und seine Familie haben 500 Millionen Dollar an Steuern nicht bezahlt.

Wie also wurde Trump zum Milliardär?

Barstow: Trump hat immer behauptet, er sei ein Self-made-Milliardär. Das stimmt nicht. Er hat über die Jahre mehr als 400 Millionen Dollar von seinem Vater erhalten. Das war sein Sicherheitsnetz. Und dieses Geld seines Vaters wurde durch Steuerumgehung massiv vermehrt.

Handelte es sich um legale oder illegale Aktivitäten von Steuervermeidung?

Barstow im Gespräch mit der TT. Spontan nahm er sich Zeit für ein Interview über seine Arbeit im Windschatten der Mächtigen. Am 12. Juni hält Barstow in Innsbruck einen Vortrag.
Barstow im Gespräch mit der TT. Spontan nahm er sich Zeit für ein Interview über seine Arbeit im Windschatten der Mächtigen. Am 12. Juni hält Barstow in Innsbruck einen Vortrag.
- Schramek

Barstow: Wir fanden Fälle, bei denen es legalerweise vermieden wurde, Steuern zu bezahlen. Es gibt aber viele Fälle, bei denen die Grenze überschritten wurde. Dies sind Fälle von Steuerbetrug.

Wurde gegen Trump deswegen ermittelt?

Barstow: Die Fälle stammen großteils aus den 80er- und 90er-Jahren und können strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden, zivilrechtlich aber schon. Es ist die Frage, ob die Steuerbehörde, die von Trump als Präsident kontrolliert wird, dies auch tun wird. Wir wissen es nicht. Denn die Steuerbehörde erteilt keine Auskunft. Die Frage ist, ob die Trump-Familie die Spiele der 90er-Jahre immer noch spielt. Sie tut alles, um ihre Steuererklärungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Letztlich werden die Gerichte entscheiden. Diese Geschichte wird noch lange dauern.

Wurde versucht, die Veröffentlichung der Trump-Story in der New York Times zu verhindern?

Barstow: Vor der Veröffentlichung der Trump-Story im Oktober 2018 gab es natürlich Drohungen von Anwälten. Wir sind es bei der New York Times aber gewöhnt, dass Anwälte in Armani-Anzügen mit Drohungen auftauchen. Wir legen uns oft mit Mächtigen an, und diese engagieren mächtige Anwälte. Doch auch wir haben Anwälte. Und sie haben die Trump-Story gegengelesen. Drohungen gehören zu unserem Job, wir lassen uns davon nicht einschüchtern. Wir wurden nach der Veröffentlichung von niemandem geklagt.

Wie hat das Weiße Haus auf die Story reagiert?

Barstow: Trump sagte, es sei eine „lange, alte und langweilige“ Geschichte. Er sprach von Fake News, ohne konkret irgendeine der Fakten anzugreifen. Die Trump-Story war die längste in der Geschichte der New York Times, Titelseite plus vier hochformatige Doppelseiten. Wir wollten alles auf einmal erzählen. Die Printversion wurde von einer speziellen Online-Fassung begleitet, es gab auch einen Podcast, Zusammenfassungen und eine halbstündige Doku. Wir haben verschiedenste Kanäle bedient.

Glauben Sie, dass Trump 2020 wiedergewählt wird?

Barstow: Trump wird viel ernster genommen als noch bei der Wahl 2016. In Washington gibt es eine enorme Machtballung. Die Arbeitslosigkeit ist gering, die Börse stark. Also fällt die nächste Wahl in wirtschaftlich gute Zeiten. Trump hat viele loyale Unterstützer, er liegt in den Umfragen stabil bei knapp über 40 Prozent. Gewählt wurde er mit 46 Prozent. Entweder man hasst Trump oder man liebt ihn. Es gibt nichts dazwischen. Es hat noch nie jemanden im Weißen Haus gegeben, der Tag für Tag so begierig darauf ist, Dinge zu sagen, die nachweislich falsch sind. Nicht, dass Trump der erste Präsident wäre, der lügt. Als Journalist will man unparteiisch sein. Aber wenn jemand behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei, wird das zur Herausforderung.

Ihre Recherchen sind immens aufwändig und sensibel. Sind Sie und Ihr Team als Investigativreporter vom Tagesgeschäft der New York Times freigestellt?

Barstow: Ich genieße das Privileg, mich als Investigativ-Journalist ausschließlich um langfristige Recherchen kümmern zu können. Ich muss nicht täglich Storys abliefern. Ein Jahr Recherche für ein Thema ist dabei ganz normal. Eine Story wie jene über Präsident Trump kann man nicht so nebenbei machen. Diese Arbeit nimmt dich als Journalist voll und ganz in Beschlag.

Wie kommunizieren Sie mit Ihren Vorgesetzten in der Chefredaktion bzw. mit den Eigentümern der Zeitung?

Barstow: Die Chefredakteure wissen darüber Bescheid, woran wir arbeiten und was die nächsten Schritte sein werden. Am Beginn der Arbeit steht eine einfache Frage. „Wie wurde Donald Trump reich?“ ist eine solche. Man weiß letztlich aber nie, was bei den Recherchen herauskommt.

Wie gehen Sie handwerklich vor oder anders gefragt: Wie sieht Ihr Berufsethos aus?

Barstow: Ich und meine Mitarbeiter wollen nicht, dass unsere Zeitung als Folge einer unserer Storys wegen Verleumdung geklagt wird. Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit. Ich tue das auf ehrliche Weise und moralisch korrekt. Ich unternehme alles Menschenmögliche, um sicherzustellen, dass meine Recherchen den Tatsachen entsprechen. Ich lüge nicht, betrüge nicht, stehle nicht. Das beste Zeichen für korrekte journalistische Arbeit ist es, wenn man in der Nacht vor der Veröffentlichung einer Story schlafen kann. Dann hat man alles richtig gemacht.

Der Aufdecker der New York Times berichtet am 12. Juni in Innsbruck über seine Arbeit

David Barstow, 56, ist seit 1999 bei der New York Times, einer der einflussreichsten Zeitungen international. Barstow ist Investigativ-Reporter. Wiederholt hat er Missstände aufgedeckt und viermal den Pulitzer-Preis gewonnen, zuletzt 2019 für eine Story über Präsident Trump als säumiger Steuerzahler.

Barstow in Innsbruck. Der Aufdeckerjournalist ist am 12. Juni auf Einladung der Tiroler Journalismusakademie und des Presserates in Innsbruck zu Gast. In der Volkshochschule, Marktgraben 10, spricht Barstow über seine 18 Monate lange Recherche über Trumps Finanzen (Beginn: 18.30 Uhr).

Anmeldung für den Barstow-Vortrag (mit anschließender Diskussion) bis 7. Juni unter service@journalismusakademie.com, Tel. 0512

58 88 82 13. Vortrag und Diskussion auf Englisch, der Eintritt ist frei, begrenzte Teilnehmerzahl.

Barstow freut sich auf Tirol, das er erstmals besucht. Er ist seit Kindheitstagen Fan von Abfahrts- olympiasieger Franz Klammer.