Letztes Update am Mo, 24.06.2019 10:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

ORF-Chefredakteur Schrom: Social Media „das Comeback der Parteizeitung“

Parteien würden über Social Media versuchen, den Journalismus auszuschalten. Das sei die Rückkehr der Parteizeitungen auf elektronischem Wege, meint ORF2-Chefredakteur Schrom.

Der Tiroler Matthias Schrom ist seit Mai letzten Jahres Chefredakteur von ORF 2 und hat neue Gesichter auf den Bildschirm gebracht.

© Thomas Boehm / TTDer Tiroler Matthias Schrom ist seit Mai letzten Jahres Chefredakteur von ORF 2 und hat neue Gesichter auf den Bildschirm gebracht.



Die Regierungskrise hat dem ORF sehr gute Einschaltquoten beschert. War das ein „Glücksfall“ für den ORF?

Matthias Schrom: Für uns war es deshalb gut, weil davor war nicht die Diskussion, wie wir berichten, sondern wie wir insgesamt als ORF gesehen werden. Ob es eine Gebührenfinanzierung braucht oder nicht, war Teil der politischen Debatte. Durch die Regierungskrise haben die Leute sehr gut gesehen, wofür es uns braucht. Nachrichten sind unser Kerngeschäft und die haben wir in relativer Echtzeit geliefert.

Die stärksten Angriffe auf den ORF kamen seitens der FPÖ. Sind am Küniglberg die Sektkorken geknallt, als die Blauen aus der Regierung fielen?

Schrom: Nein. Das darf nie passieren, dass es zu einem Match zwischen einer Partei und dem ORF wird. Dieses Szenario ist nicht, was für den ORF gut wäre, wir sind keine Partei.

Die FPÖ hat gegen den ORF viele Attacken geritten.

Schrom: Offensichtlich hat es in der FPÖ viele gegeben, die geglaubt haben, dass wir ein taugliches Feindbild für eine gewisse Wählergruppe sein können. Das kann man sich auf der ganzen Welt anschauen, dass etablierte Medien­unternehmen gerne zum Feindbild gemacht werden. Wir müssen uns die Frage stellen, warum dieses Feindbild bei manchen funktioniert.

Ihnen wurde nachgesagt, dass Sie auf dem Ticket der FPÖ Chefredakteur geworden sind, wackelt nun Ihre Position?

Schrom: Diese Punzierung ist eine Außenerzählung und zu einem sehr hohen Maß journalistische Folklore. Auf mich hat die Regierungsbeteiligung der FPÖ keinen Einfluss gehabt, weder als ich Chefredakteur geworden bin, noch jetzt, wo ich es bin. Jedem meiner Vorgänger wurde unterstellt, auf irgendeinem Ticket in den ORF gesegelt zu sein. Am Ende zählt, wie ich die Arbeit mache und da ist mein Chef, also Generaldirektor Wrabetz, mit mir zufrieden.

Die Entpolitisierung des ORF ist viel diskutiert, aber nie erreicht. Wird das je zu schaffen sein?

Schrom: In der Berichterstattung bin ich felsenfest davon überzeugt, dass wir in der Redaktion nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Das andere sind die Gremien. Der Stiftungsrat ist politisch besetzt. Also ist es logisch, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender eine gewisse Nähe zur Politik hat, weil sich der Aufsichtsrat aus politischen Parteien zusammensetzt.

Wie gehen Sie mit Interventionen um?

Schrom: Egal ob Parteien, NGOs oder PR-Firmen, jeder versucht, seine Geschichten zu verkaufen. Das finde ich grundsätzlich total normal und okay. Das ist für mich keine Intervention. Eine Intervention ist für mich etwas, das mit irgendeiner Art von Drohung verknüpft ist. Wenn ihr nicht das macht, dann passiert das und das.

Dann streichen wir euch die Gebühren ...

Schrom: Das ist kein einziges Mal passiert. Die dritte Ebene, dass jemand rückmeldet, wie wir etwas gemacht haben, das steht jeder Partei gleich wie jedem Zuschauer zu.

Was neu war bei der Regierung, dass Journalisten bei so genannten Pressekonferenzen keine Fragen stellen durften. Wäre es da nicht besser, aufzustehen und zu gehen?

Schrom: Am Ende muss man es immer journalistisch bewerten. Ich finde, wenn jemand zurücktritt und eine Erklärung abgibt und keine Fragen zulässt, ist das legitim. Was ich allerdings bedenklich finde, ist, wenn es nur noch Statements gibt und die nicht einmal gefilmt werden können, sondern auf Social-Media-Ebene passieren. Dann können wir nicht einmal das Setting bestimmen. Das ist für mich die Ausschaltung des Journalismus und das Comeback der Parteizeitung auf elektronischem Wege.

Sollte man das dann nicht senden?

Schrom: Ich denke, man muss mitberichten, dass wir keine Möglichkeit hatten, Fragen zu stellen und erklären, wer das Video gemacht hat. Nicht zu berichten ist nicht möglich, wenn der Inhalt von Interesse ist.

Wie groß sehen Sie die Gefahr, dass Social Media etablierte Medien ausschalten?

Schrom: Also, Van der Bellen hat seine Kandidatur via Social Media verkündet, die FPÖ nützt sehr stark Social-Media-Kanäle. Die Gefahr ist sehr groß, weil es einfach schon passiert.

Was ist die Strategie des ORF dagegen?

Schrom: Die Strategie ist, dass wir es ausweisen müssen, wie ein Video zustande gekommen ist. Auch eine ExpertInnenregierung muss sich meiner Meinung nach Fragen stellen. Schließlich übt man ein politisches Amt aus. Es gehört in der Demokratie dazu, Fragen zu stellen.

Was auffällt, sind Ihre Personalentscheidungen. Sie forcieren jüngere Kollegen wie Tobias Pötzelsberger. Was sagen denn die Diven im ORF dazu?

Schrom: Ich finde, es darf kein Senioritätsprinzip geben, aber auch keinen Jugendwahn. Was mir wichtig ist, ist, dass es arrivierte Kollegen gibt, die das sehr gut machen, aber auch neue, die das auch können. Die Mischung macht es aus. Ich kann ja nicht warten, bis alle gleichzeitig in Pension gehen. Der ORF ist groß genug, dass alle Moderatoren oder Redakteure gut sein können.

Schwer zu glauben, dass es keine Unruhe gibt.

Schrom: Ich habe bei meiner Bewerbung gesagt, dass ich keine ORF-Pickerl sehe, wenn ich durch die Garage gehe. Ich dachte, pathetisch gesprochen, die Leute sind nicht stolz darauf, hier zu arbeiten. Jetzt habe ich das Gefühl, das hat sich geändert. Es ist cooler, beim ORF zu arbeiten. Auch, weil die Akzeptanz der Bevölkerung gestiegen ist und wir sehr gutes Feedback bekommen haben.

Kulturpessimisten sagen, das Interesse an Information, im Speziellen an Politik, ist gesunken. Wie sehen Sie das?

Schrom: Das glaube ich überhaupt nicht. Wenn man sich anschaut, was im Fernsehen funktioniert, sind das die Info, Sport, Comedy und Satire, was eine politische Komponente hat und Unterhaltung, wenn sie eine Live-Komponente hat. Das Informationsbedürfnis ist da, es ist halt anders. Es geht viel mehr um Einschätzung, Hintergrund und Bewertung. Das gilt ja auch für Printmedien. Die Zeit hat so viele Abonnenten wie noch nie.

Aber der klassische TV-Seher stirbt in Zeiten von Netflix und Youtube aus.

Schrom: Das ist ein Mythos, der zahlenmäßig auch gar nicht belegt ist. Aber: Den klassischen ZiB1-Seher, der um 19.30 Uhr zum ersten Mal sieht, was heute passiert ist, gibt es kaum mehr. Warum er sich die Sendung dann trotzdem ansieht ist, weil er das Bewegtbild sehen will und weil es Korrespondenten gibt, die etwas einnschätzen. Die ZiB 2 ist ohnehin auf Hintergrund und Interviews aufgebaut. Wenn ich mir die Fridays-for-Future-Bewegung um Greta Thunberg ansehen, glaube ich, die Leute sind politi- siert.

Etablierte Medien versus Social Media

Fernsehen: Der durchschnittliche ZiB1-Seher ist 60 Jahre alt. Der ORF hat seine Facebook-Seiten von 25 auf drei reduziert. Der Hintergrund: Der Sender will mit seinem teuer produzierten Content Facebook nicht aufwerten.

Die Krux:

Die Facebook-Seite der ZiB erreicht ein wesentlich jüngeres Publikum und hat 650.000 Fans, mehr als die ZiB2 durchschnittlich Zuseher hat. Chefredakteur Schrom strebt einen Auftritt der ZiB auf Instagram an.

Social Media:

Parteien kommunizieren über ihre Facebook-Seiten direkt mit den Wählern. ÖVP-Chef Kurz hat mehr als 804.000 Abonnenten, Ex-FPÖ-Chef Strache 777.000.

Das Interview führte Anita Heubacher