Letztes Update am Mi, 01.10.2014 11:43

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jubiläum

90 Jahre Radio in Österreich: Ein Hochaltar mit Erdung

Vor 90 Jahren begann in Österreich das Rundfunkzeitalter. Das Radio – anfangs reines Unterhaltungsmedium – sollte erst ab 1967 unabhängige politische Berichterstattung liefern. Eine seiner Stärken bis heute.

Am Montag, den 2. Oktober 1967 um 12:30 ging das erste "Mittagsjournal" live über den Sender Ö1. Im Bild: Alexander Vodopivec, CR Hellmuth Bock und Kuno Knöbl.

© ORFAm Montag, den 2. Oktober 1967 um 12:30 ging das erste "Mittagsjournal" live über den Sender Ö1. Im Bild: Alexander Vodopivec, CR Hellmuth Bock und Kuno Knöbl.



Von Silvana Resch

Innsbruck – „Hallo, hallo, hier Radio Wien auf Welle 530 ...“ – mit diesen Worten wurde am 1. Oktober 1924 eine neue Ära in Österreich eingeläutet. Die Radioverkehrs AG (RAVAG) sendete vom Dach des ehemaligen k. und k. Kriegsministeriums, wo die ersten provisorischen Studios untergebracht waren, an rund 15.000 Gebührenzahler. Allesamt Bastler, die sich ihre Empfangsgeräte selbst zusammengezimmert hatten.

Liste der Hörfunksender in Österreich

Zu Propagandazwecken missbraucht

Zu kaufen gab es Radios damals noch nicht, dennoch sollte es bereits ein Jahr später an die 100.000 Rundfunkteilnehmer geben, die monatlich zwei Schilling bezahlten. „Es herrschte eine große Begeisterung für das neue Medium, viele Hoffnungen wurden daran geknüpft“, sagt der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell im Gespräch mit Rudolf Nagiller. Nachzuhören auf der CD-Edition „Geschichte und Geschichten im Radio“, die anlässlich des 90-Jahre-Radio-Jubiläums von Ö1 aufgelegt wurde.

Neben einem „Mehr an Unterhaltung“ erhofften sich die Radiofans auch „Demokratisierung und Bildung für alle“. Ähnliche Erwartungen, wie sie Jahrzehnte später auch an das Internet geknüpft wurden.

Aufzeichnung von Geräuschen für eine Radio-Sendung in Wien.
Aufzeichnung von Geräuschen für eine Radio-Sendung in Wien.
- ORF

Auf dem Weg zum ersten elektronischen Massenmedium wurde das Radio aber vorerst zu Propagandazwecken missbraucht, 1938 wurde der Wiener Sender zwischenzeitlich eingestellt, die deutsche Reichsrundfunkgesellschaft übernahm. „Marschmusik und schreiende Menschen“, das sind die Erinnerungen, die Ernst Grissemann mit dem „technischen Möbelstück Radio“ von damals verbindet. Seine Stimme erklang erstmals 1954 bei Radio Innsbruck und sollte als „The Voice“ zu einer der bekanntesten und beliebtesten Österreichs werden.

Hörfunk in Händen der Politik

Das bzw. „der“ Radio, wie es auf Tirolerisch heißt, sei ein „kleiner Hochaltar gewesen, vor dem sich die Familie allabendlich versammelte“, erzählt Grissemann im Gespräch mit Nagiller. Geerdet sei das Gerät mittels an einer Heizung befestigtem Draht worden. Der Hörfunk sei vor der Rundfunkreform 1967 noch fest im Griff der Politik gewesen, so der ehemalige ORF-Tirol-Intendant. Fragen an den Tiroler Landeshauptmann mussten etwa Tage zuvor abgegeben werden, bevor dieser seine Antworten auf die ihm genehmen Fragen vom Blatt ablas.

Geschichten vom und über das Radio sind auch von Rosemarie Isopp, Sprecherin von „Autofahrer unterwegs“, Alfred Treiber, ehemaliger Ö1-Programmchef, Ö3-Gründungsmitglied André Heller und Hugo Portisch auf der Ö1-CD gesammelt. Portisch hatte als Kurier-Chefredakteur 1964 das „Rundfunkvolksbegehren“ initiiert, das die „Abschaffung der Demokratie“ durch doppelte Parteikontrolle von Hör- und Rundfunk verhindern sollte. Trotz des überwältigenden Erfolgs – mehr als 800.000 proporzmüde Österreicher unterschrieben – wurde das Rundfunkgesetz erst zwei Jahre später verabschiedet. 1967 wurden schließlich nach BBC-Vorbild drei Strukturprogramme installiert: Ö1, das Regionalprogramm ÖR sowie Ö3. FM4 nahm 1994 seinen Betrieb auf, Privatradios gingen ab 1995 on Air.

Im Schatten von TV und Internet

Die Dominanz des Hörfunks ist vom Fernsehen und dem nunmehrigen Leitmedium Internet längst gebrochen, Radio hält sich „dennoch ungemein stark“, so Medienforscher Hausjell. Was die Zukunft anbelangt, ist er zuversichtlich: „Im Schatten von TV hat Radio mittlerweile mehr Freiraum erlangt, was vom politisch interessierten Teil der Bevölkerung sehr geschätzt wird“. Zeitsouveränität durch Download- bzw. Streamingdienste sei eine neu hinzugekommene Stärke des Mediums. Vor allem aber könnten „Geschichten sehr konzentriert erzählt werden“, sagt Hausjell.

Bei der Langen Nacht der Museen diesen Samstag werden auch im ORF Tirol Geschichten vom Radio aufbereitet. Technische Fragen werden im Radiomuseum beantwortet. Informationen dazu: langenacht.orf.at