Letztes Update am Mi, 07.01.2015 07:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Nach der totalen Überwachung kommt die Angst. Hanno Settele macht in der neuen ORF-Doku Bekanntschaft mit der „Mutter aller Dinge“.

Angst hat viele Gesichter, Furchtlose tragen Bart: Hanno Settele nimmt in „Angst – die Mutter aller Dinge“ u. a. die Geisterbahn.

© ORF/Roman Zach-KieslingAngst hat viele Gesichter, Furchtlose tragen Bart: Hanno Settele nimmt in „Angst – die Mutter aller Dinge“ u. a. die Geisterbahn.



Innsbruck – Im Dezember 2014 geriet „Wahlfahrer“ Hanno Settele in der neuen ORF-Dokureihe „DOKeins“ unter den Verdacht der Geheimdienste, nun bekommt er es mit der Angst zu tun. Am 8. Jänner (20.15 Uhr auf ORFeins) lehrt der Journalist das TV-Publikum in der 90-minütigen Doku „Angst – Die Mutter aller Dinge“ (Regie: Alfred Schwarzenberger) das Fürchten: etwa bei einem Zahnarzt-Besuch, beim Messerwerfer oder durch einen Sprung aus dem Flugzeug. Auch Prominente aus der Sportwelt wie Niki Lauda, Thomas Morgenstern oder David Lama kommen zu Wort. Mit der TT sprach Settele darüber, was ihn wirklich ängstigt, seinen Oberlippenbart und den Schrecken der digitalen Überwachung.

Das Thema „Angst“ schließt gut an den DOKeins-Auftakt „Unter Verdacht“ an. Diesmal wird das Thema aber recht allgemein behandelt.

Hanno Settele: „Angst“ ist wie eine Talkshow unter freiem Himmel. Drei Viertel aller psychischen Erkrankungen in Österreich sind ja Angsterkrankungen. Angst ist so vielfältig, da kommt man vom Hundertsten ins Tausendste. Manche haben Angst vor ihrem eigenen Spiegelbild, andere vor Spinnen, manche vor Höhen, manche vor Tiefen, und so weiter. Wir haben versucht, durchs Land fahrend mit Menschen zu sprechen, die regelmäßig an die Grenzen gehen müssen, wo Angst also absolut nachvollziehbar ist. Wir haben aber auch Leute bei einem Singletreff getroffen, wo es darum geht, die Angst vor dem Alleinsein zu überwinden. Psychologin Kristina Hennig-Fast wandert mit mir gemeinsam durch die Sendung und gibt ihre Fachkommentare und Erklärungen ab. Wer jetzt aber glaubt, er schaut die Doku an und ist dann selbst Psychologe, irrt.

Angstfrei ist der Seher danach vermutlich auch nicht?

Settele: Ich würde es jedem wünschen, aber dazu gibt es berufene Menschen, die das lange studieren und dann helfen können. Der Mensch ist das einzige Wesen, das Angst positiv nutzen kann. Wir verwenden Angst, um andere zu beeinflussen. Etwa die Anschläge vom 9. September, es ist ja ganz klar, dass die Angst verwendet wurde, um Gesetze zu schaffen, von denen Behörden und Geheimdienste früher nur geträumt haben. Wir wollten in unserer Doku auch zeigen, wie Angst funktioniert. Man muss auch ein bisschen unterscheiden zwischen Angst, Furcht und Schrecken. Wenn Sie Angst vor Spinnen haben, haben Sie Angst vor Spinnen, fertig. Furcht ist etwas, das sich gezielt richtet, und Schrecken ist, wenn ich in der Nacht das Licht einschalte und „Buh“ rufe.

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Was sorgt bei Ihnen für Angst, Furcht oder Schrecken?

Settele: (lacht) Das werde ich Ihnen nicht erzählen. Ich kann Ihnen aber verraten, dass ich es überhaupt nicht mag, wenn jemand metallene Teile in meinen Körper sticht.

Wie steht es mit der Angst vor schlechter Quote?

Settele: Ich freue mich über jeden Zuseher. Ich bin aber Realist genug zu wissen, dass es auf einem Sendeplatz, wo seit fünf Jahren nur Spielfilme oder Fußball gezeigt werden, ein Wagnis ist, plötzlich eine 90-Minuten-Doku hinzustellen. Ein Wagnis unserer Programmdirektorin, das ich sehr begrüße. Mit 260.000 Zuschauern, die sich die erste 90-Minuten-Doku angeschaut haben, glauben wir, dass wir eine ganz gute Antwort vom Publikum bekommen haben.

ORF-Finanzdirektor Grasl hat kurz vor Jahresende gesagt, er will dem Format Zeit geben, sich zu entwickeln. Welche Lehren haben Sie aus der ersten Doku gezogen?

Settele: Das ist nicht meine Aufgabe. Wie lange das Format sein soll, ob ein Mensch durchführen soll oder nicht, das sollen bei uns die Direktion und die Marktforschung anschauen und entscheiden. Ich bin da wirklich leidenschaftslos, sollte es heißen, eine andere Form ist die bessere, dann machen wir eine andere Form.

Sie waren Leiter des ORF-Büros in Washington DC, haben als „Wahlfahrer“ die heimische und anschließend die Europapolitik beleuchtet. Ist die Dok-Schiene im Hauptabendprogramm so etwas wie ein Karrierehöhepunkt?

Settele: Es ist nicht so, dass ich hier der alleinige Herrscher bin und alle Fäden in der Hand habe, ich bin halt für die Präsentation zuständig und da bringe ich mich natürlich inhaltlich ein. Da steht aber freilich eine Redaktionsmannschaft im Hintergrund, die sich um die Sachen kümmert. Ich bin das Gesicht und das freut mich sehr, aber ich wäre ein Schelm, würde ich behaupten, das hätte ich alles selbst gemacht.

Apropos Gesicht, hat es Reaktionen zu Ihrem Oberlippenbart gegeben?

Settele: (lacht) Das ist eine geteilte Welt, die Hälfte findet es katastrophal, die andere Hälfte furchtbar cool. Ich hätte nie gedacht, dass ein oder zwei Gramm Haare solch intensive Reaktionen auslösen, bis hin zu einer Zeitungskolumne. Wieder was dazugelernt.

Haben Sie seit der Arbeit an der Geheimdienst-Doku Ihre Lebensgewohnheiten verändert?

Settele: Nein, die Lebensgewohnheiten nicht, aber ich bin ein bisschen bewusster im Umgang mit Dingen wie Bonuskarte oder Vorteilskarte. Ich schaue auch, wenn ich im Internet was mit der Kreditkarte bezahle, ob es sich um ein gesichertes System handelt. Dorthingehend hab’ ich mich ein bisschen sensibilisiert, aber den digitalen Eremiten mache ich sicher nicht.

Dass Geheimdienste unsere Daten abgreifen, liegt in der Natur der Sache. Ist es nicht ebenso bedenklich, dass dies auch nicht-staatliche Konzerne tun?

Settele: Wir haben versucht, das ein bisschen darzustellen: Jeder Datensatz, den man hergibt, sei es welchen Weichspüler du kaufst, sei es wo du auf Urlaub hinfährst, wo deine Kreditkarte durchgezogen wird: All diese Informationen sind für den, der sie haben will, verfügbar. Je höher die kriminelle Energie, umso tiefer kann in unser Privatleben eingedrungen werden. Egal, welche digitale Spur wir hinterlassen, sie ist unlöschbar und für jeden, der sich halbwegs geschickt anstellt, einsehbar.

Das Gespräch führte Silvana Resch