Letztes Update am Di, 19.05.2015 15:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eurovision Song Contest

ESC-Kommentator Andi Knoll: „Heinz Prüller bin ich keiner“

Aus Liebe zum Liederstreit: Andi Knoll erklärt im TT-Interview, warum der Song Contest Kontinente erleuchtet, wieso null Punkte eigentlich ganz lustig sind und wann er zuletzt wie ein Schlosshund geheult hat.

Mittendrin statt nur dabei: Seit 1999 kommentiert der gebürtige Tiroler Andi Knoll für den ORF den Eurovision Song Contest.

© APA/GEORG HOCHMUTHMittendrin statt nur dabei: Seit 1999 kommentiert der gebürtige Tiroler Andi Knoll für den ORF den Eurovision Song Contest.



Warum muss man den Song Contest lieben?

Andi Knoll: Weil er einem nix Böses tut. Der Song Contest ist im Kleinen das, was die EU gern im Großen wäre: Er ist eine Identifikationsplattform für unseren Kontinent. Wenn man sich am 23. Mai um 21 Uhr in Inzing vor den Fernseher setzt, dann weiß man, dass in Tallinn, Riga, Baku oder Hamburg jemand genau dieselbe Sendung schaut. Der Song Contest ist wie ein Lagerfeuer, das Kontinente erleuchtet. Und ein bisserl Fußball-Europameisterschaft schwingt auch mit: Schließlich gewinnt am Ende ja auch jemand.

Und warum darf man ihn hassen?

Knoll: Darf man das? Also wenn man sonst nix findet, das man hassen kann, von mir aus. Natürlich passieren dort manchmal sonderbare Dinge, aber allein die Tatsache, dass es die Show schon seit 60 Jahren gibt und genauso lang damit Emotionen ausgelöst werden, beweist doch, dass der Song Contest irgendwas richtig macht. Womöglich schwingt ja mehr Neid als Hass mit.

Sie sind heuer zum 15. Mal für den ORF als Kommentator beim Liederstreit im Einsatz. Wie sind Sie zu Mr. Song Contest geworden?

Knoll: Vor 16 Jahren hat mir Bogdan Roscic, der damalige Ö3-Chef, erklärt, dass man beim ORF jemanden für den Song Contest sucht. Mich hat’s interessiert und somit war mein Schicksal besiegelt. Kurz darauf saß ich dann in Jerusalem, wo die Show 1999 über die Bühne ging.

Waren Sie davor schon ein Song-Contest-Fan?

Knoll: Ich bin ein Freund von Shows, da gehört die größte Musikshow der Welt natürlich dazu. Aber ich war nie dieser Hardcore-Fan und würde mich auch nicht als Experten bezeichnen: Nur bin ich jetzt schon so lange dabei, dass ich mir natürlich ein bisschen was gemerkt habe. Aber ich bin jetzt nicht der Heinz Prüller des Song Contest – aus Selbstschutz lösche ich nach jedem Event wieder die Festplatte.

Was war die bitterste Niederlage, die Sie bislang miterlebt haben?

Knoll: Lukas Plöchl, der mit den Trackshittaz beim Semifinale in Baku ausgeschieden ist, hat damals das Finale ein wenig mit mir mitkommentiert. Kurz vor Ende der Show hab’ ich die Ergebnisse des Semifinales bekommen und es war mit Lukas ausgemacht, dass ich ihm seine Platzierung live mitteile. Als ich gesehen habe, dass „Woki mit deim Popo“ den letzten Platz belegt hat, hab’ ich es ihm schweren Herzens gesagt. Und in diesem Moment hat er augenscheinlich an sich und allem, was er jemals auf der Bühne gemacht hat, gezweifelt. Das hat mir leid getan, weil er total zerbröselt war. Wobei ich ja auch ein zynischer Hund bin: Ich find’s nämlich lustig, wenn man beim Song Contest Letzter wird. Entweder soll man das Ding gewinnen oder mit null Punkten verlieren – wenn abbeißen, dann anständig!

Den Triumph von Conchita Wurst haben Sie mit „Jetzt hat uns die den Schaas g’wonnen“ kommentiert. Und damit den Spruch des Jahres markiert. Dabei stammt das Zitat ja von Alkbottle. Haben die jemals Ansprüche geltend gemacht?

Knoll: Als der Spruch zum Zitat des Jahres geworden ist, hab’ ich das auf Facebook gepostet und dabei zu Alkbottle verlinkt und mich bei ihnen bedankt. Und Roman Gregory und ich freuen uns seither gemeinsam über den Erfolg des Schaas-Spruchs.

Warum waren Sie beim Sieg von Conchita Wurst eigentlich nicht enthusiastischer?

Knoll: Das Voting ist ja so aufgebaut, dass die Punkte so verlesen werden, dass es möglichst lange spannend bleibt. Ich hab’ damals also befürchtet, dass wir lange vorne liegen werden und die Niederlande am Ende dann doch noch an uns vorbeiziehen. Geglaubt hab’ ich es erst, als die Moderatoren den Sieg verkündet haben – und da war ich dann auch ein wenig geschockt. Außerdem bin ich prinzipiell kein Typ, der auszuckt. Dazu kommt, dass man ja allein in der Kabine sitzt, somit hätte ich nur die Glasscheibe anschreien können.

Sind an diesem Abend auch Freudentränen geflossen?

Knoll: Meine ersten Tränen sind beim Aufsetzen des Flugzeugs in Wien geflossen. Beim Landen hat die Stewardess gemeint: „Liebe Conchita, es war uns eine Ehre, Sie nach Hause fliegen zu dürfen.“ Bei den Worten „nach Hause“ sind bei mir alle Dämme gebrochen. Und als ich die Menschenmassen am Flughafen gesehen habe, ist mir auch bewusst geworden, dass ich das Glück hatte, bei etwas dabei gewesen zu sein, das Eingang in die Chronik der Republik findet.

Die EBU hört sich nach der Show auszugsweise die Kommentare an, um Misstöne zu beanstanden. Gab es für „Now she has won that shit“ eine Rüge?

Knoll: Nein – wobei der Spruch tatsächlich international zitiert wurde. Allerdings wurde „der Schaas“ mit „that joke“ übersetzt.

Mit Mirjam Weichselbraun und Alice Tumler kommen zwei der drei Song-Contest-Moderatorinnen aus Tirol. Waren Sie enttäuscht oder gekränkt, dass nicht Sie der Dritte im Bunde sind?

Knoll: Ich suche nach dem Wort, das es ist. Enttäuscht oder gekränkt war ich nicht. Natürlich hätte ich es gerne gemacht, aber so wie es ist, wird es großartig sein: Es ist mit Sicherheit die attraktivste Song-Contest-Belegschaft, die es jemals gegeben hat. Drei Damen plus Conchita Wurst, das ist doch großartig.

Woran liegt es, dass der Song Contest eine Hochburg für die Gay Community ist?

Knoll: Man muss unterscheiden, was vor Ort und was vor dem Fernseher abgeht. In Island hat der Song Contest 99 Prozent Marktanteil – und trotzdem wird nicht so ein hoher Prozentsatz homosexuell sein. Vor Ort ist der Song Contest aber mit Sicherheit Gay Pride pur: Vielleicht liegt’s daran, dass diese Veranstaltung jedem das Gefühl gibt, willkommen zu sein: Egal, wie man ausschaut, egal, wer neben einem einschläft.

Wie lange kommentieren Sie uns den Schaas noch?

Knoll: Ich war 2008 schon einmal kurz davor, es zu lassen. Österreich hat damals beim Song Contest pausiert, die Musik war auch nicht sonderlich spannend und außerdem hatte ich das Gefühl, über jedes Kleid schon jeden Witz gemacht zu haben. Im Nachhinein betrachtet bin ich aber froh, dass ich damals nicht aufgehört habe. Sonst hätte ich mir jetzt wirklich in den Hintern gebissen. Solange man mich lässt, mach’ ich weiter – also noch mal 15 Jahre kann ich mir schon vorstellen.

Das Gespräch führte Christiane Fasching