Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.12.2015


Musik

Hochvirtuos und empfindsam

Michael Schöch auf CD in den Klangspuren des jungen romantischen Komponisten Julius Reubke.



Innsbruck – Julius Reubke ist ein Fall für Michael Schöch. Beide seltene Doppelbegabungen auf Klavier und Orgel, virtuose Könner auf ihren Instrumenten mit analytischem Blick für das formal Wesentliche und Sinn für den mystischen Kontext, eigenwillig im Anspruch, den eigenen künstlerischen Weg zu finden. Was die beiden jungen Männer zusammenführt, ist Musik, die Reubke schrieb und Schöch interpretiert. Was sie äußerlich trennt, ist die Zeit: Der Innsbrucker Schöch wurde heuer 30, der Deutsche Reubke lebte von 1834 bis 1858.

Eine Seelenverwandtschaft ist spürbar. Aber bei Schöch liegt, wenn man ihm genau zuhört, diese Empfindung nahe, was immer er spielt. Er ist ein Ausnahmetalent nicht nur aufgrund seiner manuellen Fähigkeiten auf Klavier und Orgel, sondern in seinem interpretatorischen Tiefsinn auf der Suche nach dem Wesen der Werke.

Der Liszt-Schüler Julius Reubke schrieb, mit hochbegabtem Blick der Zeit voraus, eine Sonate in b-Moll für Klavier und sein bekanntestes (und besonders schwieriges) Werk, die Orgelsonate „Der 94. Psalm“. Außerdem für Klavier eine Mazurka und ein Scherzo, für Orgel ein „Trio für zwei Manuale und Pedal“ in Es-Dur. Gut 70 Minuten Musik als Lebenswerk. Reubke starb mit 24 Jahren an Tuberkulose.

Als Doppelinterpret ganz in seinem Sinn legt Schöch, mit der Orgelsonate schon lange vertraut, erstmals das Gesamtwerk von Reubke auf CD (Label: Oehms/BR Klassik) vor: „Im Kontext des Gesamtwerkes lassen sich nicht nur für den Hörer die einzelnen Werke besser verstehen, auch für den Interpreten werden kritische oder unklare Stellen leichter erklär- bzw. entscheidbar“, schreibt er in seiner Booklet-Einführung. Mit wachsendem Staunen ist dieses Jugendwerk zwischen entfesselter Virtuosität und Empfindsamkeit, Emphase und Versenkung zu erleben, werden Spuren der Zeit und Überwindung konstatiert, Schöch macht das strukturell und klanglich in seiner Eigenart aus Kunstanspruch und Natürlichkeit begreifbar. Eine Referenzeinspielung. (u. st.)

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