Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Musik

Böhmisch aufgespielt

Die Tschechische Philharmonie zeigte sich als Orchester von Weltformat.

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© Antoine Tamestit



Innsbruck – Große Kunst wird in sehr vielen Fällen aus leidvoller Erfahrung geboren. Wenn etwa der im Exil lebende böhmische Komponist Bohuslav Martinu˚ in seinem „Rhapsody-Concerto“ für Viola und Orchester H. 337 von seinem Heimweh nach dem Vaterland erzählt, so speist sich die schöpferische Kraft aus einer nicht stillbaren Sehnsucht. Dieser Sehnsucht einfühlsamst nachgegangen ist der französische Bratschist Antoine Tamestit im Rahmen des 3. Meisterkonzertes. Den orchestralen Klangkörper dazu bildete die Tschechische Philharmonie unter der Leitung von Jirˇí Belohlávek. Martinu˚, ein musikalisch Weltreisender, wirft im Rhapsody-Concerto mit Klangfarben und leicht jazzigen Rhythmen nur so um sich. Allerfeinstes impressionistisches Kolorit und kraftvoll zupackende Motorik wurden vom glanzvoll aufspielenden Tamestit und Orchester sinnvoll in Waage gehalten. Zuvor schlich sich Leoš Janáceks schlaues Füchslein durch den Konzertsaal. Die Suite aus der Oper „Das schlaue Füchslein“, ein poetisches Klanggebilde voller kraftvoll mächtiger Naturstimmungen und volksmusikalischer Anklänge, ist per se von einnehmender Qualität. Die Tschechen strichen diese Qualitäten, diesen unverwechselbaren Charakter der Musik, signalfarben heraus. Mit breiter Brust inszeniert, ließ man schließlich die geheimnisvollen Hell-Dunkel-Kontraste in der Symphonie Nr. 6 D-Dur op. 60 von Antonín Dvorˇák aufblühen. Rhythmische Schärfe, stürmische Rasanz, die Strukturdichte des Werkes hell beleuchten, hieß die Devise. Und wo andere nach dem Gefälligen suchen und melodienselig scharfkantige Motive rundschleifen, da pochte Jirˇí Belohlávek auf polyphone Durchhörbarkeit und rhythmische Finesse. Zugaben? Gleich drei. Eine für Bratsche, die, mit Bachs Sonaten per du, Raffinesse demonstriert. „Die verkaufte Braut“ von Smetana, die mit ihrem Tanz nicht genug hat und noch einen ungarischen von Brahms tanzt. Wen wundert’s, bei diesen böhmischen Musikanten. Das Publikum hielt es auch kaum auf den Sitzen. (hau)

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