Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.02.2016


Musik

Franui: Wie der Schluchzer zum Juchzer wird

Die CD „Tanz! (Franz)“ dokumentiert das neue Franui-Programm zwischen Tanzboden, Grube und neuen Tönen.

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© Franui



Von Ursula Strohal

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Innsbruck – „Vorwärts rückwärts seitwärts“ bewegen sich Tänzer und ebenso Franui mit ihrem Instrumentarium aus der heimischen Tanzboden- und Stubenmusigtradition. Vorwärts, rückwärts, seitwärts haben die Osttiroler zugegriffen in der Musikgeschichte, sind für ihr Projekt „Tanz! (Franz)“ natürlich unendlich fündig geworden bei schon längst „ihrem“ Franz, dem Schubert. Der tanzte nicht gern, saß lieber am Klavier und hat für die bewegte Gesellschaft ein Stückl nach dem anderen erfunden. Rund 500 solcher Klaviertänze gibt es von Schubert: Walzer, Menuette, Ländler, Deutsche Tänze, Ecossaisen, Cotillons. Da hat Franui zugegriffen.

Soeben ist die CD „Tanz! (Franz)“ beim Label col legno erschienen, fröhlich und traurig stimmend am scharfen Grat zwischen Tanzboden und Grube, wie es Franui hält, seit aus ihren innervillgratner Trauermärschen die Lieder von Schubert, Brahms und Mahler frisch begossen sprossen. Das Album wird am 10. Februar im Wiener Konzerthaus präsentiert, in Tirol war das Programm bereits im Rahmen des Klangspuren-Festivals 2015 zu hören.

Schuberts Positionierung zwischen volksmusikalischer Grundierung und Neufindung definiert präzise die Osttiroler Spielwiese, und auch deren Blues lässt sich rückkoppeln zu Schuberts zeitverlierender Untröstlichkeit. Die Arrangeure Markus Kraler und Andreas Schett lassen noch andere Vorbilder mitreden, Bela Bartók zumal, der in seinen Feldforschungen tief aus dem volksmusikalischen Brunnen schöpfte. Und wenn schon in Ungarn, so wurden die Musik vieler Stile und Zeiten kreativ mixenden Franuis auch bei György Ligeti fündig. Das Stück „Vorwärts rückwärts seitwärts“ zeigt, wie es geht. Tänzern allerdings verknoten die Beine.

Viele von Schuberts Tänzen tauchen auf, musikantisch, geistreich, frech paraphrasiert, der Assoziationen sind kein Ende vom ländlich Blasmusikantischen bis zur neuen Musik, vom Klezmeranklang über Mozarts mit Volksliedern übermalten „Don Giovanni“-Menuett bis hin zur Verehelichung von Impromtu-Poesie mit dem Boarischen. Heimelig und aufbrechend, zart und wild, schräg, aber nicht respektlos. Vom Schluchzer zum Juchzer („Trockner Blumen“) dauert es vier Minuten.

Andreas Schetts Moderation in tiefer Osttiroler Mundart mit innervillgratner Geschichten und Kalauern wäre entbehrlich. Aber vielleicht spürt man nur in Tirol den Hauch des Vorgeführtwerdens dieser Region.