Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 06.05.2016


Musik

Vom Recht auf schlechte Laune

Mit zornigem Gitarrenrock trotzen „Isolation Berlin“ der Verzweiflung schöne Seiten ab. Heute Abend live in Innsbruck.

"Isolation Berlin" machen heute im Weekender Club Pause von der Großstadt-Tristesse.

© Noel Richter"Isolation Berlin" machen heute im Weekender Club Pause von der Großstadt-Tristesse.



Von Silvana Resch

Innsbruck – Für das Musikmagazin Rolling Stone haben Isolation Berlin vergangenes Jahr einen Song von Joy Division gecovert. Musikalisch nahe am Original wurde das Stück „Isolation“ in die deutsche Sprache übertragen. Seitdem werden die Berliner gerne mit Joy Division verglichen, auch wenn das – vom Cover abgesehen – gar nicht stimmt. Die Mittzwanziger machen ihr eigenes Ding, das zwar nach früher klingt, aber nicht retro ist. „Berliner Schule/Protopop“ nennen die vier Musiker das mit einem Augenzwinkern. Und betitelten so auch die zeitgleich zum Debütalbum erschienene Compilation mit Songs ihrer ersten beiden EPs. Der Medienhype um die Berliner war da längst ausgebrochen: „Die Leute haben immer gefragt, was wir für ein Genre bedienen. Wir wussten nicht, was wir sagen sollten. Den Punks waren wir nicht punkig genug und den anderen habe ich zu viel geschrieen“, erklärt Sänger und Songschreiber Tobias Bamborschke im TT-Gespräch.

Das Genre Protopop habe ein befreundeter Produzent erfunden: „Wir dachten, wir starten unsere eigene Musikrichtung, die uns nicht einengt“, sagt der gelernte Schauspieler, für den das Theater nach wie vor eine Option ist. „Ich sehe mich als singender Schauspieler, nur dass ich meine eigenen Geschichten erzähle.“ Authentizität stehe im Vordergrund, es gehe um Gefühle, wie „im guten Theater ja auch“. Mit der Musik habe er seine Depression verarbeitet. Zuvor aber hat Bamborschke mit allem gebrochen, nicht nur mit der Freundin, sondern mit seinem ganzen bisherigen Leben. „Ich habe damals nach Liedern gesucht, die meinem Schmerz Worte geben, aber ich habe nichts gefunden, drum habe ich selbst welche geschrieben.“ Dass er mit seiner 2013 gegründeten Band solch euphorische Reaktionen auslösen würde, hat ihn erstmal überrascht. „Wenn man depressiv ist und darüber reden will, wenden sich die Leute ab. Viele werfen es einem sogar vor und sagen: ‚Du bist doch selber schuld.‘ Wir leben in einer Zeit, in der sich die Leute dauernd irgendwelche Vorwürfe machen. Und das Schlimmste, was man machen kann, ist es, einem Depressiven vorzuwerfen, dass er depressiv ist.“

Isolation Berlin liefern stattdessen den Abgesang auf Selbstoptimierungszwänge und beharren auf dem Recht zu schlechter Laune. Nicht ohne Pathos werden große, düstere Gefühle verhandelt. Die Befindlichkeit einer ganzen Generation werde von Isolation Berlin auf den Punkt gebracht, schwärmt die Musikpresse. Bamborschke sieht das nüchtern: „Manchmal frag ich mich: ‚Bin ich Poet, oder einfach nur besoffen?‘“, heißt es in einer viel zitierten Textzeile.

Grund zum Verzweifeln sieht er jedenfalls genug. „Das ganze Internet, die ganze Welt ist voller Hass. Alle werfen sich alles vor, die Ausländer sollen schuld sein oder die Schwulen, bei Frauen kommt sofort ‚die ist hässlich oder zu fett‘.“ Ein jeder hasse jeden, das finde er ganz „schrecklich“. Er selbst hat seine Medizin gefunden: „Ich bin ein Produkt, ich will, dass ihr mich schluckt“, singt er im Opener zum Debüt „Und aus den Wolken tropft die Zeit“. Das Album beschreibe ein „bisschen die emotionale Reise der letzten Jahre, die mich in die Isolation Berlin geführt haben“. Menschen, die ihm nicht guttun, begegne er mittlerweile mit einem „Herz aus Stein“.

Die Band, die derzeit auf Österreich-Tour ist, spielt heute Abend im Weekender Club Innsbruck. Den Wechsel von „Rückzug und Rausgehen“ schätze er sehr, sagt Bamborschke, der sich heute nicht mehr als depressiv bezeichnen würde. Eigentlich schade, Verzweiflung hat selten so gut geklungen.


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