Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 25.08.2016


Innsbrucker Festwochen

Licht der Liebe, Schatten der Trauer

René Jacobs und großartige Ensembles brachten Glucks „Alceste“ zu den Festwochen der Alten Musik.

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© Kern



Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Mozart hat Glück, Gluck hat weniger Glück“, dass sich die Musikforschung mit ihm beschäftigt, bedauert René Jacobs. Am Dienstag kehrte er mit „Alceste“ zu den Innsbrucker Festwochen zurück. Aus seiner besonderen Vertiefung und philologischen Gewissenhaftigkeit resultieren die einzigartigen Interpretationen, die er auch Christoph Willibald Gluck widmet, entgegen der Opernszene, die vor rund sechzig Jahren begann, zugunsten von Monteverdi und Händel diesen Großen zurückzudrängen. Nach den frühen „Le Cinesi“ und „Orfeo ed Euridice“, vielfach preisgekrönt, wählte Jacobs nun „Alceste“.

Die konzertant geplante Aufführung im Congress stand für alle Ausführenden unter einem besonderen Stern: Inmitten der gegenwärtigen szenischen Serie mit Verstärkung und Monitoren-Kontakt bei der Ruhrtriennale war man nun ohne Technik-Einsatz ganz unter sich, ganz bei sich. Halbszenische Andeutungen der Sänger rund um das B’Rock Orchestra vertieften die Handlung. Diese innere Nähe und Jacobs Klangdramaturgie erreichten eine atemberaubende Wahrhaftigkeit und Spontaneität des musikdramatischen Ausdrucks, eine Vertiefung von Glucks ureigener künstlerischer Dimension, unabhängig von Zeitstil und Zeitgeschmack. In „Alceste“, diesem Trauerstück um die Gattin, die sich für den königlichen Ehemann opfert, verwirklichte Gluck seine Ideen einer bewussten Abkehr von formalen und ästhetischen Zwängen, verweigerte Prunk und verzierende Ausschmückung, verwischte die Rezitativ- und Ariengrenzen, komponierte die Geschichte durch, abseits von italienischer und französischer Konvention.

Jacobs erreicht den Kern, findet die Spannung in dieser Musik, das Licht der Liebe und die Schatten der Trauer. Er weist den fabelhaften Musikern von B’Rock Tempi, Klangfarben und Instrumentalsymbolik zu, die emotional zeitlose Tiefen ausloten. Jacobs schafft nicht Trennendes, sondern Verbindendes und bewahrt der Geschichte dennoch ihre Größe und Würde. Grandios die Besetzung: Brigitte Christensens Alceste hat musikdramatische und menschliche Überzeugungskraft, Sensibilität und einen souveränen Umgang mit ihrem Prachtsopran. Thomas Walkers Admeto ist voll Klang und Haltung, groß besetzt auch der warme, stilsichere Mezzosopran von Kristina Hammarström. Anicio Zorzi Giustiniani bringt sein Temperament ein und Georg Nigl in mehreren Rollen seine charaktervolle Wandlungsfähigkeit. Die Kinder sangen Alicia Amo und Joshua Kranefeld. Sicher und ausdrucksstark der Chor, MusicAeterna Perm.