Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 27.08.2016


Klaus Doldinger

Mit Jazz spielend alt werden

Klaus Doldinger komponierte die Tatort-Titelmelodie und den Score des Klassikers „Das Boot“. Heute Abend gastiert der 80-Jährige beim Filmfestival Kitzbühel.

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© APA/dpa/Maja Hitij



Das erste Album, das sie 1963 mit dem Klaus Doldinger Quartett veröffentlichten, hieß „Jazz made in Germany". War das damals eine solche Besonderheit, dass es titelgebend unterstrichen werden musste?

Klaus Doldinger: Es war nicht alltäglich, dass ein Label eine Jazz-Platte mit deutschen Musikern machte. Ich verdanke das dem Produzenten Siggi Loch, der mich bereits Jahre vorher aufgespürt hatte und zu einer Aufnahme überreden wollte. Für mich stand damals das Live-Spielen im Vordergrund. Und das tut es bis heute.

Wie haben Sie den Jazz für sich entdeckt?

Doldinger: Die Kriegsjahre verbrachte ich in Wien. Als die Russen anrückten, flohen meine Eltern mit mir nach Oberbayern. Dort habe ich als Neunjähriger amerikanische Soldaten beim Jazzen erlebt. Es traf mich ganz unvorbereitet — ein Wendepunkt in meinem Leben. Bis dahin hatte ich ja nur Volksmusik, den einen oder anderen Schlager und Operetten gekannt.

Und Ihre Eltern haben diese Faszination geteilt?

Doldinger: Im Gegenteil. Mein Vater war Wagner-Fan und hat das, was ich mache, wohl nie verstanden. Es hat ihn angewidert. Er wollte, dass ich wie er Ingenieur werde. Auch deshalb bin ich früh ausgezogen.

Hat Ihr Erfolg an dieser Ablehnung nichts geändert?

Doldinger: So richtig eingesehen hat er es wohl nie. Es hat nicht sein sollen. Auch am Konservatorium, das ich ab meinem 11. Lebensjahr besuchte, war Jazz verpönt. Meine Freude daran lebte ich im Geheimen aus — mit Freunden und den wenigen Schallplatten, die wir in die Finger bekamen.

Inzwischen stehen Sie seit über sechs Jahrzehnten auf der Bühne. Hält Jazz jung?

Doldinger: Es gibt Gegenbeispiele. Sagen wir so: Jazz erlaubt, spielend alt zu werden.

Große Bekanntheit erlangten Sie als Komponist für Kino- und Fernsehfilme. Wie wurden die Regisseure auf Sie aufmerksam?

Doldinger: Ich habe das nie forciert. Es entwickelte sich zufällig. Zunächst waren es kleine Aufträge, Werbefilme, Dokumentationen. Ich habe nur zögernd zugesagt, weil ich mir das ehrlicherweise nicht zugetraut habe.

Sie haben mit namhaften Filmemachern zusammengearbeitet: Volker Schlöndorff, Klaus Lemke, Hans W. Geißendörfer.

Doldinger: Als Komponist ist man in den Entstehungsprozess eines Films häufig kaum involviert. Man sieht Aufnahmen am Schneidetisch oder einen Rohschnitt, macht Vorschläge und hofft, dass es funktioniert.

Im Fall von Wolfgang Petersen, mit dem Sie unter anderem „Das Boot" machten, mag man das kaum glauben: Szenen und Soundtrack scheinen aus einem Guss zu sein.

Doldinger: Wolfgang hat das Talent, seine musikalischen Vorstellungen sehr präzise und anschaulich zu schildern. Auch dass ich die Welt, in der der Film spielt, aus eigener Erfahrung kannte und mit der Buchvorlage vertraut war, hat mir den Zugang erleichtert.

Der Erfolg von „Das Boot" bereitete Petersen den Weg nach Hollywood.

Doldinger: Er hätte mich gerne mitgenommen. Aber es war keine Alternative: Ich war Familienvater und wollte meine Kinder nicht aus ihrem Umfeld reißen. Und auch meine Karriere als Live-Musiker hätte ich dann nicht in dieser Form fortsetzen können. Ich habe diese Entscheidung nie bereut.

Wollen wir über den „Tatort" reden?

Doldinger: Gerne.

Sie haben 1970 die Titelmelodie dafür komponiert.

Doldinger: Geplant war eine zehnteilige Serie. Niemand hat damit gerechnet, dass ein Dauerbrenner mit beinahe tausend Folgen daraus wird.

Til Schweiger hat das Intro für altmodisch befunden — und wollte es vor seinen „Tatorten" streichen.

Doldinger (lacht): Er hat verkannt, dass das Intro als Klammer für ganz verschiedene Filme funktionieren muss. Mir ging es damals darum, eine einprägsame, nachvollziehbare Melodie zu komponieren. Und ich habe den Eindruck, dass mir das gelungen ist. Insofern irrt sich Herr Schweiger. Auch wenn das Intro nicht zu jeder Folge passt, es gehört dazu.

Und dürfte für den Komponisten angesichts zahlloser Wiederholungen sehr einträglich sein.

Doldinger: Ich kann mich nicht beklagen. Aber um Geld ging es mir nie. Wenn es mir darum gegangen wäre, wäre ich Ingenieur geworden.

Das Gespräch führte Joachim Leitner