Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.01.2017


Konzert

Die virtuosen Klangsprachen der Seele

Namen von morgen, Namen von heute: vier junge Pianisten der Klassik-Szene aus Frankreich, Deutschland, Russland und England.

Die Tastenanordnung und die Noten bleiben dieselben. Was die nie versiegenden Begabungen damit machen, ist aber höchst unterschiedlich und bleibt spannend.

© TIMOTHY A. CLARY / AFP / pictureDie Tastenanordnung und die Noten bleiben dieselben. Was die nie versiegenden Begabungen damit machen, ist aber höchst unterschiedlich und bleibt spannend.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Eine Fülle junger Pianisten drängt in die Konzertsäle, die Qualität ist enorm hoch. Agenten und Label-Manager greifen zu, und konzentriert erlebt man die Jungen bei den zahlreichen Klavierwettbewerben, ohne deren Ranking Karrieren heute nicht funktionieren.

Der Franzose Vincent Larderet ist der Reifste und Etablierteste dieser Auswahl, vielfach ausgezeichnet, „Steinway Artist“ und weltweit gefeiert für seine „unglaublich lyrische Sensibilität“. In seiner neuen CD (Ars Produktion/Note 1) verbindet er die Klaviersonate Nr. 3 und drei Intermezzi von Johannes Brahms mit Alban Bergs Sonate op. 1 von 1908/09. Und nicht nur die ungemein intensive musikalische Auseinandersetzung, auch sein eigener, ausführlicher Booklet-Text zeugen von seiner Durchdringung der Werke.

In den brahmsschen Aufwallungen streift er ans Orchestrale, besonders eindringlich gegen Ende des „Andante espressivo“, das er zunächst klangintensiv mit dem von Brahms geforderten Mondlicht ausstattet. Nie verliert Larderet Klang und Sinn und phänomenalerweise auch in der Wildheit nie seine grundlegende Klarheit. Ob der aufrauschende Brahms der Sonate, die intimeren kleinen Stücke und die hier wunderbar in ihren emotionalen Schattierungen eingepasste Sonate von Alban Berg: Larderet leuchtet die Musik fesselnd aus. Die Berg-Sonate, verrät er, habe ihn sehr beeinflusst zu jener Zeit, als er noch Komponist werden wollte.

Der 1987 in Ludwigshafen geborene Joseph Moog hat neben seiner internationalen pianistischen Laufbahn das Komponieren nicht aufgegeben und präsentiert seine Musik gern im Rahmen der Klavierabende. Er debütierte als Zwölfjähriger in Rio de Janeiro, wurde Young Steinway Artist und bei den Gramophone Classical Music Awards Nachwuchskünstler des Jahres 2015. Schon früh wurde ihm erstaunliche Reife und musikalische Intelligenz attestiert.

In seiner jüngsten CD (Onyx/Note 1) setzt sich Moog mit den drei Klaviersonaten von Frédéric Chopin auseinander, ernsthaft, ohne Verzärtelungen, mit klarer Präsenz und doch feinnervig. Die noch wenig aussagekräftige frühe Sonate op. 4 nimmt er sachlich, donnert sie nicht auf, sucht und findet aber die Spannungen und sinnlichen Momente. Der dritten Sonate entlockt er wissend und emotional mitschreitend ihre Pracht.

Ein pianistischer Gegenentwurf zu Moog ist der 24-jährige Benjamin Grosvenor, Shootingstar aus England. Auch er ein Wunderkind, aber damals maßvoll präsentiert. Bereits 2012 holte ihn das Label Decca, dieses Debüt mit Chopin, Liszt und Ravel bescherte ihm u. a. zwei Gramophone Awards. Der Zwölfjährige war von der BBC zum „Young Musician Of The Year“ gekürt worden. Grosvenor ist ein Lyriker, der auch zulangen kann, am meisten faszinieren aber der gestaltreiche Anschlag und seine impressionistisch funkelnden Farbenspiele. Auf der neuen CD (Decca) zeigt er seine Vorliebe für Gedanken- und Werkbezüge bei Bach-Busoni, formal Bach-geimpften Stücken von Mendelssohn und Franck sowie venezianischen Lichtspielen von Chopin und Liszt.

Anastasia Huppmann ist ein Talent der perlenden, charmanten Virtuosität, leider weniger des Ausdrucks. Auf ihrer Debüt-CD (Gramola) spielt sie Etüden, Polonaisen und den Minutenwalzer von Chopin, verwoben mit Ungarischen Rhapsodien und dem Mephisto-Walzer von Franz Liszt. Die 28-jährige in Wien lebende Russin gewann mehrere Wettbewerbe. „Musik ist die Sprache der Seele“, sagt sie. Huppmann tritt international auf, technisch versiert, sabotiert sich und die Musik aber durch völlig überzogene Rubati und andere Tempoeingriffe.