Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.06.2017


Heart of Noise Festival

Gut aufgehoben am Puls des Lebens

Das Heart of Noise Festival 2017 in den Gefilden des „Pop Life“: Die Überraschung ist oft nicht so sehr das Neue, sondern der Blick auf etwas vertraut Geglaubtes.

Am Samstag beim Heart of Noise Festival im Treibhaus zu Gast: die norwegische Musikerin Jenny Hval.

© Daniel JaroschAm Samstag beim Heart of Noise Festival im Treibhaus zu Gast: die norwegische Musikerin Jenny Hval.



Von Maurizio Nardo

Innsbruck – „But life it ain’t real funky/Unless it’s got that pop/Dig it“: Prince, von dem diese Textzeilen stammen, wusste auch, dass es bei Popkultur vielleicht gar nicht so sehr um die konkreten Inhalte geht, sondern vielmehr auf das Erleben von und das Reden über Pop ankommt. Und darauf, welche Motive, Erinnerungen und Geister das heraufbeschwören kann. Das heurige Heart of Noise Festival (HON) war gespickt mit solchen gar nicht so unpopulären Momenten. Rundum zufriedene Gesichter, in kontemplativer Andacht im Treibhausturm sitzend oder später tanzend auf dem bebenden Dancefloor des Treibhauskellers bei Acts wie Amnesia Scanner, Ital Tek oder Samuel Kerridge.

Produkte der Popkultur transportieren Erinnerungen, liefern Diskussionsstoff und bringen Menschen zusammen. Sie liefern und verwenden Muster, Codes, über die sich Menschen verständigen können. Mit solchen Codes beschäftigen sich unter anderem auch die Installationen von Katrin Stumreich in der Galerie A4 oder die Text-Ambient-Collagen von Michaela Senn, von der auch die heurige HON-Veröffentlichung kommt.

Pop begleitet unser Leben: jung sein, erwachsen werden und altern. Unsere Sicht auf die Dinge verändert sich, wenn wir merken, dass Dinge sich wiederholen und durch diese ständige Wiederholung legt sich eine Patina an, die auch ihre eigene Schönheit besitzt. Urgesteine wie Wolfgang Voigt oder Hans Platzgumer erinnern sich und nehmen das Publikum mit auf Zeitreisen.

Die Überraschung ist oft nicht so sehr das Neue, sondern der neue Blick auf etwas vertraut Geglaubtes. Wie ist es möglich, dass Damien Dubrovnik, trotz aller Harschheit in ihrer Mod-Pose, ähnliche poetische Stimmungen zu erzeugen vermögen wie, sagen wir, Joy Division? Auch Gesang und Bühnenshow der Norwegerin Jenny Hval leben von Querbezügen zu gängigen Popmustern, die sie gleichzeitig zerlegt und zelebriert.

Alle sind mit Popkultur älter geworden und auch Genesis P Orridge (Psychic TV) hat es im Laufe der Jahre geschafft, eine Frau zu werden, aber halt auch alt und ein ehrwürdiger Teil der Popgeschichte. Also Pop.

Auffallend viele Klänge, Rhythmen, Stimmungen und Motive aus dem arabischen Raum gab es bei diesem Festival. Und das nicht unbedingt nur wegen der Interpreten aus Ägypten. Eine rein weibliche Delegation lieferte im Musikpavillon des Hofgartens drei ganz unterschiedliche Beispiele von Artschool über Ambient bis Noise für die zeitgenössische Musikszene Ägyptens. Ihre Landsmänner EEK & Islam Chipsy brachten am Eröffnungsabend Tanzmusik, die genährt von unterschiedlichen Musiktraditionen auf diesem kulturellen Boden gediehen ist – das Ganze zelebriert als geradezu überdeutliches Instant-gute-Laune-Erlebnis.

Auch bei vielen anderen Acts – und zwar ganz genreunabhängig, egal ob im heimischen Hip-Hop von Restless Leg Syndrom oder in den geisterhaft schönen Stücken von Forest Swords – sickern immer wieder Musikelemente aus dem arabischen Raum durch, erzeugen eine bestimmte Atmosphäre. Immer wieder gelingt hier der Musik eine faszinierende und vor allem wohlwollende Annäherung an diesen Kulturkreis, die gerade zurzeit nirgends sonst so recht stattfinden will.

Obwohl es an energischen Augenblicken nicht fehlte, spielte auch der Faktor Ambient, das Sphärische, Meditative von Anfang an (Fennesz/Henriksen) eine wichtige Rolle und wurde mitunter auch konsequent bis zur Grenze des Aushaltbaren ausgelotet (William Basinski, Huerco S., GAS).

Heart of Noise 2017 überzeugte mit einem durchdacht konzipierten Programm. Auch das Wetter spielte heuer mit. So konnten auch die Freilichtbühnen wie geplant bespielt werden und selbst der Innsbrucker Föhn zeigte Turntableskills am Dach des Pema Towers.