Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.06.2017


Musik

Atemraubend

vom Wesen der

Musik erzählt

Der große Pierre-Laurent Aimard spielte im Kammerkonzertzyklus Klaviersonaten von Schubert und Beethoven. Staunen und Jubel.

Pierre-Laurent Aimard wurde in der vergangenen Woche mit dem höchst­renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet.<span class="TT11_Fotohinweis">Foto: AFP/Samad</span>

© AFPPierre-Laurent Aimard wurde in der vergangenen Woche mit dem höchst­renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet.Foto: AFP/Samad



Innsbruck – Ende Mai spielte Pierre-Laurent Aimard mit Tamara Stefanovich im Wiener Konzerthaus fast das gesamte Klavierwerk von Pierre Boulez, am Dienstag kam er mit Franz Schuberts Klaviersonate Nr. 18 in G-Dur, op. 78 („Fantasie“) und Ludwig van Beethovens Hammerklaviersonate, B-Dur, op. 106, in den intimen Innsbrucker Konservatoriumssaal. Aimard gehört nicht zu den bedeutendsten Pianisten, weil er unfassbar schwierige Werke wie die 2. Sonate von Boulez und Beethovens op. 106 so zeitnah ansetzt, sondern weil er vom Wesen der Musik weiß und sich ihm risikoreich mit Leib und Seele ausliefert, pianistisch atemraubend.

Aimard spielt immer das Ganze, gewichtet einzelne Mittelstimmen, setzt die Basslinie in Beziehung, nützt dramaturgisch seinen vielen Anschlagsmöglichkeiten. Die Architektur der Sätze war klar, auch wenn man sich zuhörend im regelrecht um sich schlagenden Fugen-Finale der Hammerklaviersonate verlor. Er machte deutlich, dass Beethoven, der mit überkommenen Formen und Techniken arbeitete, in dieser Beziehung kein Grenzüberschreiter war, diese Konventionen aber mit höchster Freiheit erfüllte. Im Adagio führt er die Musik zur Erschöpfung, im Finale in einen ungezügelten Subjektivismus. Aimard, dessen Klavierspiel Pathos und verlogene Feierlichkeit fremd ist, zeichnete von der Erschöpfung bis zur Eruption die Gefühlsregungen und -ausbrüche phänomenal logisch nach. Wohl eins mit Beethovens Ausspruch: „Die Grenzen sind noch nicht gezogen, die sich dem Talent und dem Fleiß entgegenstellen, indem sie erklären: bis hierher und nicht weiter.“

Schuberts „Fantasie“-Sonate unsentimental und ohne biografische Aufladung in ihren größeren Zusammenhängen zu hören, dabei keineswegs gefühlsfremd, war gleich eingangs eine neue Facette. Und ganz zum Schluss – „Was kann man nach der Hammerklaviersonate noch spielen?“, fragte Aimard – vertiefte und relativierte er mit ein paar Takten György Kurtág. (u. st.)