Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.06.2017


Musik

Noga Erez bringt Botschaften aus der Blase

Die israelische Musikerin Noga Erez wird für ihr Debüt „Off The Radar“ als Sprachrohr einer jungen Generation gefeiert.

null

© tonje-2520thilesen



Innsbruck – Nach 40 Autominuten erreicht man von Tel Aviv aus Kriegsgebiet, in der zweitgrößten Stadt Israels ist davon aber nichts zu bemerken. Die liberale Elite des Landes lebt in einer Blase, die Kunst- und Kulturszene blüht, es gibt Clubs, in denen junge Israelis und Araber gemeinsam zu elektronischen Beats tanzen. Unter dem Iron Dome, wie das israelische Raketenabwehrsystem genannt wird, lässt es sich gut feiern – obwohl die Realität des Nahostkonflikts auch hier immer wieder einzubrechen droht. 2014 war die Musikerin Noga Erez eine der Schutzsuchenden, die sich vor den Raketenangriffen in die Bunker flüchteten. Dass sie in diesem Konflikt dennoch zu den Privilegierten zählt, ist ihr wohlbewusst: Während sie Musik machen dürfe, würden nicht allzu weit entfernt von ihr Menschen sterben, formuliert Noga Erez ihr schlechtes Gewissen im Pressetext zum Debütalbum „Off The Radar“. Dem Gefühl der Ungleichheit stellt sie die gemeinsam mit ihrem Arbeits- und Lebenspartner Ori Rousso produzierten tanzbaren Beats und eine teils frustrierte, teils zornige Botschaft entgegen. „Kann man tanzen und gleichzeitig schießen?“, fragt sie in dem Track „Dance While You Shoot“.

In ihrer Heimat ist die 27-Jährige, die wenige Tage vor Ausbruch des Golfkriegs geboren wurde, längst ein kleiner Star. In den Medien wird sie als das Sprachrohr einer jungen Generation gefeiert, die trotz Hetze und der konservativen Politik von Premier Benjamin Netanyahu noch an den Frieden glaubt. Dieser Teil der Gesellschaft sei völlig unterrepräsentiert, findet Erez – „Off The Radar“ gewissermaßen. Manipulative Medien, staatliche Überwachung, Macht und Machtmissbrauch (im Song „Toy“) sind die Themen, über die sie mit dunkler Stimme singt, wobei ihr Sprechgesang über zuckenden, verschleppten Beats teilweise an MIA erinnert.

Als politisch will Erez, die Komposition studiert hat und zu Israels Militärmusik einberufen wurde, ihre Musik aber nicht verstanden wissen. Ihre zu Songs verarbeiteten Gedanken und Gefühle haben aber eine weit über das Private hinausreichende Dimension.

Zu schaffen macht der Musikerin auch die zunehmende gesellschaftliche Verrohung durch die sozialen Medien. Videos von einer Gruppenvergewaltigung in einem israelischen Club, die bald „viral gingen“, haben sie dazu veranlasst, den Song „Pity“ zu schreiben.

In Zukunft möchte sie mit palästinensischen Musikern arbeiten, gibt Erez dieser Tage in den zahlreichen Interviews an, die sie auch im deutschsprachigen Raum gibt, ihr Debüt ist beim Berliner Label City Slang erschienen.

Als eine von wenigen israelischen Indie-Künstlern wird sie in Europa gehypt. Auch in der Blase Europa trifft Noga Erez einen Nerv. (sire)