Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.08.2017


Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

Klangsatt durch den Notausgang

Claudio Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ eröffnete musikalisch prächtig, szenisch problematisch die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

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© Larl



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Geflügeltes Personal in einem drittklassigen Gasthaus, der Fresssack der Hochzeitsgesellschaft wird längst nicht mehr bedient, sein­e Würstel holt er sich in der Durchreiche zur Küche. Bei der Schwingtüre gibt es auch Getränke, praktisch für die Sänger einer Drei-Stunden-Oper. Bis auf die Braut Penelope, die Haltung bewahrt, hängt die Hochzeitsgesellschaft herum – Kunststück, man gibt die Geschichte von der Rückkehr des Odysseus in die Heimat und die dauert bekanntlich 20 Jahre. Unterm Tischtuch aber fummelt koloraturanimiert ein Dienerpaar.

Im Einheitsbühnenbild, das „Il ritorno d’Ulisse in patria“ zu eng umschließt, durchbricht eine kleine Bühne die Holztäfelung, hier könnten vorgestrige Volksschauspieler ihre Schwänke proben. Und tatsächlich hat Regisseur Ole Anders Tandberg auf dem Weg von der Oper Oslo nach Innsbruck seine Eingebungen variiert und so taucht Göttin Minerva in älplerischer Kluft als Hirt auf dem Felsen auf. Die gewaltig originelle Hochzeit ist seine Idee. Da bespritzt sich, wer gleich zur Leiche wird, aus Ketchupflaschen, Odysseus wird besoffen unterm Tisch hervorgezupft, ein Gott macht Tote zur Tür hinausmarschieren (Tim Burton kann’s besser). Charaktere werden verschenkt.

Man ist ja in einer venezianischen Oper, wo im Gegenzug zum hehren Paar die lustige Personage erfunden wurde, nur: Hier passt nichts zusammen. Die Handlung besteht aus Brüchen. Erlend Birke­lands doppelter Guckkasten ermöglicht immerhin den parallelen Schauplatz für die Projekts­reisen durch Wolkenspiel und grünen Park. Die eiserne Penelope stellt sich in ihrem miesen Brautkleid (Kostüme: Maria Geber) ins Schneetreiben. Ihre Lage ist noch immer unklar. Odysseus kennt ihre Schlafzimmer-Eigenheiten. Mit ihm hat sie einen erwachsenen Sohn. Zum erneuten Erlernen der Zweisamkeit wählt das wiedervereinte Paar den Notausgang.

Alessandro De Marchi hätte eine adäquatere Umsetzung seiner exquisiten Fassung der Monteverdi-Oper verdient. Er besetzte die vorzüglich und wissend agierende Academia Montis Regalis vielfältig, solistisch in der Streichergruppe. Der dunkel und außergewöhnlich reich grundierte Grundton wird äußerst fein variiert, Flöten, Posaunen, Zinken, Harfe, Percussion und vor allem die klanglich ungemein differenten Lauten- bzw. Gitarren-, Gamben- und Tasteninstrumente (Spinett, Cembalo, Orgel, Regal) ermöglichen eine Absetzung der auch stilistisch unterschiedlichen Götter- und Menschenwelten bis zu einzelnen Personenfärbungen.

Kresimir Spicers charaktervoller, starker, schöntönender Odysseus führt imposant das durchwegs hochrangige Ensemble mit Ann-Beth Solvang (Minerva, Fortuna), David Hansen (Telemaco), Ingebjorg Kosmo (Amme), Vigdis Unsgard und Petter Moen (Melanto und Liebhaber), Jeffrey Francis (Eumete), Marcell Bakoyi, Hagen Matzeit, Francesco Castoro (Freier), Carlo Alemano (Iro) sowie Halvor F. Melien, Nina Bernsteiner und Andrew Harris als Götter. Christine Rice hat vokale Qualitäten, berührt aber klanglich und darstellerisch zu wenig als Penelope.


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