Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.10.2017


Musik

Bruder in Not: Liam Gallagher mit erstem Solo-Album

Acht Jahre nach dem Band-Ende von Oasis bringt Liam Gallagher mit „As You Were“ sein erstes Soloalbum heraus. Dabei wollte er doch gar kein Arsch sein.

© Marilyn KingwillLiam Gallagher startete nach dem Aus der Brit-Pop-Legende Oasis eine Solo-Karriere.



Innsbruck – Noel wollte nicht. Sagt Liam. Und weil Noel nicht wollte, konnte eben auch Liam nicht. Was wiederum Paul McCartney sehr traurig macht – der Ex-Beatle träumt nämlich seit Jahren von einem Comeback von Oasis. Und mit diesem Wunsch ist er nicht allein: Bis zu ihrer Trennung im Oktober 2009 verkaufte die Band um das Brüderpaar Noel und Liam Gallagher mehr als 80 Millionen Alben, gemeinsam schufen sie Hits und Hymnen wie „Wonderwall“, „Don’t Look Back in Anger“ oder „Stop Crying Your Heart Out“ und verliehen dem Brit-Pop ein unverwechselbares Profil – ein rüpelhaftes und arrogantes obendrein.

Und diese Arroganz hat sich Liam Gallagher auch bewahrt. „Es ist durch und durch sauguter Rock ’n’ Roll“, pries er dieser Tage die Qualität seines ersten Soloalbums „As You Were“ an, das am Freitag erschienen ist. Doch als es galt, dafür die Werbetrommel zu rühren, fiel sich der 45-Jährige selbst in den Rücken. „Ich würde viel lieber hier sitzen, um über eine Oasis-Platte anstatt über ein Liam-Gallagher-Soloalbum zu reden“, motzte er. Um sogleich wieder auf Noel zu dreschen, der sich gegen ein Comeback sträubt, „weil er es nicht ertragen kann, dass ich auch da bin“. Da wären wir wieder beim ewigen Bruderzwist im Hause Gallagher, der sich auch bestens dafür eignet, um mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen – für ein Album, das so klingt, als hätte es klammheimlich doch eine Oasis-Reunion gegeben. Ohne Noel halt.

Aber „As You Were“ erinnert auch wenig an die Beatles und die Stones und in der rockig-raunzigen Nummer „Bold“ glaubt man gar, den gerade verstorbenen Tom Petty zu hören – oder ist’s doch eine Verneigung vor Lou Reed und seinem Rührstück „Satellite of Love“? Der Auftakt mit „Wall of Glass“ ist indes hart, aber herzlich, und auch in „Greedy Sould“ und „Doesn’t Have To Be That Way“ schickt Liam Gallagher mit heulenden Gitarren seine Rockerseele zum Spielen raus, während in „You Better Run“ ein bisschen „Helter Skelter“ in der Luft liegt. Das Hymnenschreiben hat der Neo-Solist, der 2014 das Oasis-Nachfolgebandprojekt Beady Eye für beendet erklärte, ebenfalls nicht verlernt, wie der potenzielle Stadionhit „For What It’s Worth“ beweist, der wie eine Beichte daherkommt. „I’m sorry for the hurt“, singt der einstmals rauschmittelaffine Frauenheld da – und man fragt sich sogleich, bei wem er sich da entschuldigt. Bei seiner Ex-Frau Nicole Appleton, die er mit einer Musikjournalistin betrog? Womöglich. Bei seinem Bruder? Sicher nicht. Die Zeile „I’ve been crucified for just being alive“ klingt da mehr nach einem geschwisterlichen Nachtreten.

Aber vielleicht sagt Gallagher, der seit ein paar Jahren mit seinem Label „Pretty Green“ auch hochpreisige Parkas designt, ja auch einfach Entschuldigung zu seinen Fans – weil er sie angeflunkert hat. Noch vor einem Jahr beschwor er nämlich via Twitter, nie ein Soloalbum rauszubringen. Denn: „Ich bin doch kein Arsch.“ Aber wie heißt’s in der schönsten Nummer von Gallaghers gelungenem Alleingang? „Some­times we lose our way ...“ Sein Abkommen vom Weg hat Liam gut getimet. Am 24. November bringt Noel mit seinen High Flying Birds ebenfalls ein neues Album raus. Der Bruderzwist kann munter weitergehen. (fach)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Weihnachten
Weihnachten

Liedforscher: „Stille Nacht“ stirbt nicht aus

Alle Jahre wieder hat der Song „Last Christmas“ in der Vorweihnachtszeit im Radio Hochkonjunktur. Doch was erklingt heutzutage auch abseits der Popkultur noc ...

1943 - 1971
1943 - 1971

Rock-Poet im berüchtigten „Klub 27“: Jim Morrison wäre heute 75

Sein dunkler Gesang und seine laszive Ausstrahlung sind legendär. Doch weil Jim Morrison „Sex & Drugs & Rock ‚n‘ Roll“ so hemmungslos auslebte wie kaum ein a ...

Musik aus Tirol
Musik aus Tirol

Zehn Jahre Naked Truth: „Musik machen geht ja ewig“

Ein Jahrzehnt Band-Geschichte schreibt die Tiroler Rock-Combo „Naked Truth“ und spielt dazu heute Abend um 21 Uhr zum großen Jubiläumskonzert im Treibhaus-Ke ...

Haus der Musik
Haus der Musik

Sonntagsmatineen feiern 20-Jahr-Jubiläum

Sie haben Stammpublikum und neuen Zuwachs, bieten anspruchsvolle Programme ohne Eintritt (Spenden), heißen Menschen „von 0 bis 100" willkomm...

Musik
Musik

Der Bluatschink mag es, „wenn’s still isch“

„Wenn's still isch" — mit einem Adventprogramm von ganz besonderer Qualität ist das Lechtaler Erfolgsduo Bluatschink derzeit unterwegs. Dabe...

Weitere Artikel aus der Kategorie »