Letztes Update am Mo, 01.01.2018 14:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Musik

Muti adelte Neujahrskonzert 2018, Thielemann dirigiert 2019

Es war bereits der fünfte Auftritt des italienischen Maestros. Im nächsten Jahr wird er von Christian Thielemann abgelöst.

© APADer italienische Dirigent Riccardo Muti.



Wien – La Dolce Vita, das süße Leben, das ist für einen Italiener eine ernste und eine Ehrensache. Und für einen Italiener mit der Umsicht, der Noblesse und der Erfahrung von Riccardo Muti auch eine musikalische Neujahrswürde. Sein bereits fünftes Neujahrskonzert im Wiener Musikverein hat der 76-jährige Muti heute, Montag, mit jener edlen Süße versehen, die Italianita und Wiener Walzerseligkeit eint.

Noch nie war Mutis Heimat Italien im Neujahrsprogramm so üppig präsent wie heuer: Unter den gleich sieben erstmals programmierten Stücken finden sich Huldigungen an italienische Meister, wie Johann Strauß Vaters „Wilhelm-Tell-Galopp“ mit dem bekannten Motiv Rossinis oder seines Sohnes Quadrille „Un ballo in maschera“, das die Musik der gleichnamigen Verdi-Oper dem Wiener Publikum im Jahr 1862 und damit noch vor der ersten Aufführung der Oper in Wien bekannt machte. Aber auch die „Rosen aus dem Süden“ sind die Klangwerdung einer zutiefst Wienerischen Italien-Sehnsucht und Seelenverwandtschaft.

Dieser innigen Verbundenheit der schmeichelnden Wiener Strauß-Musik und der schwungvollen Italianita, der gegenseitigen Bewunderung und Inspiration, den gemeinsamen großen Gefühlen hinter der scheinbaren Leichtigkeit der Melodien spürt Muti mit gewohnter Ernsthaftigkeit, wohldosierter Dynamik und jener selbstverständlichen Eleganz im Detail nach, die ihn seit fast fünf Jahrzehnten zu einem erklärten Liebling der Philharmoniker macht. Sein letzter Neujahrseinsatz ist lange 14 Jahre her, dass es sein letzter sein wird, hat der Maestro inzwischen selbst infrage gestellt.

Vier Kompositionen als Uraufführung

Altersmilde ist dem gestrengen Muti nicht anzumerken, dafür aber eine großmütige Neujahrslaune, die Schwärmerei erlaubt und Melodrama mit kleiner Geste und großem Effekt konstruiert. Das erste Meisterstück liefert man schon mit dem zweiten Streich des Konzertes, Josef Strauß‘ „Wiener Fresken“, von schillerndem Farbenspiel, keuschen Ritardandi und herausragenden Soli durchzogen. Das 50-Millionen-Publikum, das dem vom ORF via 14 Kameras aufgezeichneten und von TV-Sendern in 95 Ländern übertragenen Fernsehereignis beiwohnt, rang den einzelnen Philharmonikern auch heuer keine hörbare Nervosität ab.

Gleich vier Kompositionen des Programms feiern in dem an Jubiläen reichen Jahr 2018 den 150-jährigen Jahrestag ihrer Uraufführung, das prominenteste unter ihnen der große Konzertwalzer „G‘schichten aus dem Wienerwald“, dessen Zither-Solistin Barbara Laister-Ebner auf Wunsch Mutis im Dirndl auftrat. Den 100-jährigen Gedenktagen an die Wiener Moderne – mit den Todestagen von Klimt, Schiele, Moser und Wagner 1918 – war der ORF-Pausenfilm von Georg Riha als Streifzug durch die Architektur und Kunst der Ära gewidmet. Das Wiener Staatsballett tanzte heuer Choreografien von Davide Bombana in Otto Wagners Hietzinger Hofpavillon – zur „Stephanie-Gavotte“ des erstmals im Programm vertretenen K.u.K.-Militärkapellmeisters Alphons Czibulka – sowie im niederösterreichischen Schloss Eckartsau zu „Rosen aus dem Süden“.

Muti dirigierte zum fünften Mal das Neujahrskonzert.
- APA

Muti mag kein Walzertänzer sein, wie er im Vorfeld des Konzerts betonte, aber sowohl diese „Rosen“ als auch die Neujahrshymne „An der schönen blauen Donau“ weiß er sinnlich auszukosten und dabei in ihrer musikalischen Architektur ernst zu nehmen wie wenige andere. Wie die Wiener Musik zu interpretieren ist, hätten ihm in der langen Verbundenheit nicht zuletzt die Wiener Philharmoniker selbst beigebracht, sagte er einmal – was auf ein tiefes Verständnis der Zusammenarbeit mit diesem Orchester hinweist. Ob den Philharmonikern das gleiche Kunststück mit dem Debütanten des nächsten Neujahrskonzerts, Christian Thielemann, gelungen ist, das wird der 1. Jänner 2019 zeigen.

Mit Christian Thielemann steht 2019 wieder ein Debütant am Pult des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker. Freilich ein sehr erfahrener: Mit dem 58-jährigen Deutschen haben die Philharmoniker bereits viel musiziert. Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden und künstlerische Leiter der Salzburger Osterfestspiele ist auch dem heimischen Publikum wohlbekannt.

Christian Thielemann.
- DPA

„Das, was im Opernbereich seit Anbeginn perfekt funktioniert hat, nämlich das tiefe musikalische Einverständnis und Vertrauen, hat in der Folge auch im symphonischen Bereich große Früchte getragen“, so Orchester-Vorstand Daniel Froschauer in einer Aussendung am Neujahrstag. Gemeinsam spielte man etwa einen umjubelten Beethoven-Zyklus ein, arbeitete mit dem gefeierten Wagner-Dirigenten an der Staatsoper sowie in den philharmonischen Abokonzerten regelmäßig zusammen. Seine Neujahrsreife und Walzertauglichkeit wird der als strenger Handwerker und minutiös arbeitender Spezialist für das große Repertoire geltende Thielemann dennoch erst unter Beweis stellen müssen.

Durchbruch mit „Tristan“

Die Karriere des am 1. April 1959 geborenen Dirigenten begann an der Deutschen Oper Berlin, wo er später, von 1997 bis 2004, auch als Generalmusikdirektor tätig sein sollte. 1985 wurde er Erster Kapellmeister an der Rheinoper und trat 1988 als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands in Nürnberg an, wo ihm mit Wagners „Tristan“ der endgültige Durchbruch gelang. Erfolg macht aber keineswegs handzahm, als künstlerische wie politische Person sorgte Thielemann immer wieder für Aufsehen: Der Rausschmiss am Nürnberger Theater 1992 (und der Sieg des Dirigenten im folgenden Rechtsstreit) ist dafür ebenso ein Beispiel wie die Aufregung um Thielemanns Verteidigung der Musik von Hans Pfitzner trotz dessen Verstrickung mit dem NS-Regime.

Star mit Ecken und Kanten

2004 kündigte Thielemann sein Engagement an der Deutschen Oper Berlin. Da seine Forderungen nach Erhöhung des Orchesteretats abgelehnt wurden, verließ der gebürtige Berliner das Haus nach sieben Jahren als musikalischer Leiter und wurde bereits im selben Jahr Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker. Auch hier zeigte der Star Ecken und Kanten, legte sich 2009 mit der Stadt hinsichtlich der Kompetenzen seiner Position an und lehnte schlussendlich eine Vertragsverlängerung ab. Seit 2012 ist er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit einem Vertrag bis 2024, seit 2013 verantwortet er gemeinsam mit diesem Orchester die Salzburger Osterfestspiele.

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.
- APA

Dem österreichischen Publikum ist Thielemann über die Jahre ein gern gesehener Gast geworden, seine Auftritte im Musikverein waren ebenso von Begeisterung gekrönt wie seine mehrfache Verpflichtung für Wagner-Opern aber auch Verdi oder Mozart an der Staatsoper. Bei den heurigen Osterfestspielen wird Thielemann Giacomo Puccinis „Tosca“ nach Salzburg bringen. (APA)


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Festspiele Erl
Festspiele Erl

Palfrader „sehr betroffen“ über Kuhns TV-Auftritt

Die zuständige Landesrätin kritisiert den Auftritt des beurlaubten Erl-Chefs in der ZiB2. Kuhns Nachfolger Bernd Loebe wird heute präsentiert.

Neues Album
Neues Album

Andrea Bocelli singt auf „Sì“ mit Ed Sheeran und Dua Lipa

Er singt Opern und Duette mit Stars: Andrea Bocelli kann Klassik und Pop. Auf seinem Album „Sì“ wird der berühmte Tenor von einem ganz besonderen Menschen be ...

Josef aus dem Zillertal
Josef aus dem Zillertal

„Richtig cool“, als Sieger vom Kiddy Contest aufzuwachen

Der Zillertaler Josef Fankhauser (11) hat als „Lederhosen-Rapper“ die Gesangsshow für Kinder gewonnen. An die große Bühne könnte er sich gewöhnen.

Musik
Musik

Ein Plädoyer für das Zarte im Intensiven

Schmieds Puls beweisen im Treibhaus, das ihre bisher lauteste Platte den Charakter des Trios nicht veränderte.

Musik
Musik

Die Heiterkeit im tiefen Ernst

Anlässlich 200 Jahre Musikverein wurde das Sonderkonzert im Canisianum zum Erlebnis.

Weitere Artikel aus der Kategorie »