Letztes Update am Do, 04.01.2018 09:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Otto Schenk im TT-Interview: „Jeder Tag ist ein Geschenk“

Im TT-Interview spricht Otto Schenk (87) über seine notorische Partnersucht, den unterschätzten Humor und seine Angst vor einer Welt, die aufs Erschrecken eingestellt ist.

© Julia HammerleOtto Schenk gastiert am 6. Jänner (20 Uhr) mit der Ungarischen Kammerphilharmonie im Congress Innsbruck, wo er mit literarischen und musikalischen Anekdoten ins neue Jahr startet.



Haben Sie Vorsätze fürs neue Jahr gefasst?

Otto Schenk: Nein. Der einzige Vorsatz, ist die Hoffnung, dass ich das Jahr durchstehe. Und wenn man eine Grippe hat, wie ich jetzt, schaut’s ein wenig aussichtslos aus – aber nein, das muss ich mir gleich wieder ausreden. Jeder Tag ist ein Geschenk. Und vornehmen für die Zukunft kann man sich in meinem Alter eigentlich nichts mehr. Stattdessen bricht ein ungeheures Gegenwartsleben aus: Alle Wehwehchen sind große Drohungen und alle Glücksmomente überschätzt man geradezu. Wenn mir etwa ein Abend auf der Bühne gut gelingt, dann befinde ich mich in einer seltsamen Seligkeit und bin fast beschämt, dass ich noch so glücklich sein kann.

Aber dieser Vorsatz, den Moment zu leben, würde doch auch jüngeren Semestern nicht schaden.

Schenk: Stimmt. Da kann ich Ihnen nur Recht geben.

Gibt es auch Momente, vor denen Sie sich schrecken?

Schenk: Schrecken hab’ ich vor der Welt, die aktuell auf Erschrecken eingestellt ist, weil ein paar Verrückte plötzlich das Gefühl haben, eine Stadt mit einem Rucksack lahmlegen zu können. Das ist eine neue, moderne Art der Angst. Vor einem Atomkrieg fürchte ich mich nicht, weil dafür sind die führenden Trottel zu feig oder sogar zu vernünftig.

Wie gehen Sie mit dieser Angst um?

Schenk: Schauen Sie: Es ist wichtig zu wissen, dass diese Angst nichts mit Ausländern im Allgemeinen zu tun hat, bei den erwähnten Tätern handelt es sich ja um eine Minorität, die zum Töten ausgebildet wird. Mit den armen Teufeln, die bei uns Schutz suchen, hat das nichts zu tun. Die Zuziehenden versuchen ja, sich anständig zu benehmen, soweit es ihnen in ihrer schrecklichen Armut gelingt. Und es wäre unfassbar wichtig, auf diese Menschen zuzugehen. Am besten wäre, wenn wir uns alle einen Freund unter ihnen suchen würden.

Kurz vor Weihnachten ist die schwarz-blaue Regierung angelobt worden. Bundeskanzler Sebastian Kurz ist davon überzeugt, dass es in Österreich „Zeit für Neues“ ist. Stimmen Sie ihm da zu?

Schenk: Ich will als Schauspieler keine politischen Statements abgeben. Das finde ich immer lächerlich – weil das ist nicht unser Beruf. Unser Beruf ist es, die richtigen Rollen zu spielen. Und meine persönliche Aufgabe sehe ich darin, die Menschen zu unterhalten. Im heutigen Theater wird ja so wenig gelacht. Und da hab’ ich eine Lücke gefunden, wo man mich als relativ alten Mann noch brauchen kann.

Mit Michael Niavarani standen Sie zuletzt in der Doppel-Conférence „Zu blöd um alt zu sein“ auf der Bühne. Was schätzen Sie an Ihrem etwas jüngeren Kollegen, der heuer 50 wird?

Schenk: Ich bin ganz süchtig nach Partnern, weil ich überzeugt bin, dass man allein sehr schwer bis gar nicht Theater spielen kann. Man muss sich sogar einen Partner vorstellen, wenn man alleine auf der Bühne steht. Und für mich ist Michael Niavarani der größte Wurm-aus-der-Nase-Zieher, den ich in meinem Leben erlebt habe. Ich könnte mit keinem anderen so einen Abend machen. Diese Partnerschaft macht mich glücklich und ich finde es geradezu als Gnadengeschenk, wenn er sich dazu herablässt, für mich Zeit zu haben. Dieser Mann strotzt vor Bescheidenheit und Nettigkeit und legt mir gegenüber eine Verehrung an den Tag, die mir sogar ein wenig peinlich ist.

Das klingt nach einer befruchtenden Begegnung.

Schenk: Ja. Das kann man so sagen. Und er ist ja auch nicht mehr jung, aber er zieht junge Leute an, von denen manche dann auch zu Schenk-Fans werden, weil er mir Pointen nicht nur gönnt, sondern geradezu zuschiebt. So was hab’ ich davor nur mit Helmut Lohner, Alfred Böhm oder Ernst Waldbrunn erlebt. Einmal auch mit Karl Farkas, mit dem ich einen einzigen Sketch spielen durfte, an den ich heute noch gerne zurückdenke. Ich war offenbar schon immer partnersüchtig. Aber da diese Partner schon alle tot sind, bin ich sehr froh, einen lebenden Partner gefunden zu haben.

Am 6. Jänner laden Sie im Congress Innsbruck mit der Ungarischen Kammerphilharmonie zu einem außergewöhnlichen Neujahrskonzert, bei dem Sie auch selbst ans Dirigentenpult treten. Stimmt es, dass Sie einst selbst gern Dirigent geworden wären?

Schenk: Es war immer ein Traum, weil ich diesen Beruf so verehrt habe. Und irgendwie hat mich das auch zur Regie verführt: Wobei man als Regisseur ja nichts können muss, als Musiker hingegen schon.

Aber ganz unähnlich sind sich ein Regisseur und ein Dirigent doch nicht. Beide müssen eine Gruppe von Künstlern leiten.

Schenk: Ja, aber im Theater ist das nicht so definierbar wie in der Musik. Die Musik hat eine Handschrift zu befolgen, die zu erlernen ist. Das Theater hat keine erlernbare Handschrift, man muss sie jedes Mal neu erfinden. Und da steht man manchmal wie der Ochs vorm Berg.

Sie stehen seit knapp sieben Jahrzehnten auf der Bühne. Kommt da noch manchmal Nervosität auf?

Schenk: Nein. Ich war nie nervös. Ich musste eher immer gegen meine Müdigkeit ankämpfen, aber das hat sich mit den ersten Schritten auf die Bühne meist gelegt.

Zurück zu den Vorsätzen: Sollte das Theater den Humor ernster nehmen?

Schenk: Humor ist eine schwer definierbare Droge. Absichtlich darf man ihn nicht bedienen – Humor muss passieren. Hoffen wir also, dass ihm neuen Jahr, viel Humor passiert.

Das Gespräch führte Christiane Fasching




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