Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.01.2018


Gottfried von Einem

Oper, Liebe, Zweifel und der „Trost vor sich selbst“

Der einst hochgefeierte österreichische Komponist Gottfried von Einem wurde heute vor hundert Jahren geboren.

© www.picturedesk.comNach seiner 1947 in Salzburg uraufgeführten Oper „Dantons Tod“ galt Gottfried von Einem als „Komponist der Stunde null“.Foto: Harry Weber/www.picturedesk.com



Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Schönheit ist meiner Meinung nach das, was der Mensch als Trost braucht, nicht nur vor den Unbilden des Lebens, sondern vor sich selbst.“ Ein Satz aus Gottfried von Einems Autobiografie, die 1995 erschien, im Jahr vor dem Tod des Komponisten. Am 24. Jänner 1918 ist Einem als Sohn eines österreichischen Militärs in Bern geboren worden, ein Mann, den äußerlich Glanz, innerlich auch Zwiespalt und Zweifel umgaben, der seiner bedurfte und dessen Kunst ihn spiegelte, den „Trost vor sich selbst“.

Einem besuchte in Schleswig-Holstein das Gymnasium, Musik studierte er 1941 bis 1943 in Berlin bei Boris Blacher. Ab 1938 wurde er Korrepetitor an der Berliner Staatsoper und als Assistent bei den Bayreuther Festspielen. 1944 übersiedelte er nach Dresden an die Staatsoper, wo gleich sein Opus 1, das Ballett „Prinzessin Turandot“, uraufgeführt wurde. Noch im Krieg war der junge Einem mit neuen Werken in Berlin präsent. 1947 brachte ihm die Oper „Dantons Tod“ bei den Salzburger Festspielen den Durchbruch. Er galt als „Komponist der Stunde null“. 1948 wurde er in das Direktorium der Festspiele berufen, von dort aber wieder entfernt, als er Bertolt Brecht zur österreichischen Staatsbürgerschaft verhalf. Er wurde in Wien aufgeführt, wohin er 1953 übersiedelte. Außer Opern komponierte Einem (Chor-)Orchestermusik, ein Klavier- und Violinkonzert, Kammermusik und Lieder. In Salzburg war neuerlich eine Oper, „Der Prozess“, erfolgreich. In Wien nahm er zahlreiche führende Positionen ein, schrieb für die Staatsoper das Ballett „Medusa“ und heiratete 1966 in zweiter Ehe die Schriftstellerin Lotte Ingrisch. Für Hamburg entstand die Oper „Der Zerrissene“, für Wien der nächste Welterfolg, „Der Besuch der alten Dame“. Die Opern „Kabale und Liebe“ sowie – heftig umstritten – „Jesu Hochzeit“ konnten daran nicht mehr anschließen.

Einem hat einige Kompositionsströmungen seiner Zeit aufgenommen, blieb aber tonal. „Modern schreiben kann jeder Esel“, meinte er. Dass er viel gefeiert, viel ausgezeichnet war, erhöht seine kompositorische Position außerhalb der zentralen Opern freilich nicht. In Tirol war Einem als „alter Freund“ beim Europäischen Forum Alpbach präsent, wofür der Networker u. a. die „Alpbacher Tanzserenade“ schrieb, und auch am Tiroler Landestheater, wo es in der Ära Wlasak „Dantons Tod“, „Der Besucht der alten Dame“ und „Prinzessin Turandot“ gab. Ab den 1980er-Jahren wurde es ruhig um Gottfried von Einem.

Schönheit als „Trost vor sich selbst“. Einems leiblicher Vater war ein ungarischer Adeliger. Seine Mutter, Gerta Louise von Einem, geborene Riess von Scheuernschloss, als eine schon zum Tode verurteilte Mata Hari des Dritten Reichs unter Blitzlichtgewitter vor dem Pariser Militärgericht. Sie hatte dem Sohn im Krieg die Laufbahn geebnet, er blieb mit NS-Musikfunktionären von damals in Kontakt. Joachim Reiber geht in seiner Biografie „Gottfried von Einem – Komponist der Stunde null“ Einems Networking nach, bezweifelt seinen künstlerischen Rang und leitet aus den Opern Aspekte seines Lebens und Schaffens ab.

2002 ist Einem geehrt worden, weil er einen jüdischen Pianisten geschützt hatte. 2013 erschien im Zsolnay-Verlag ein sehr befremdliches Buch: „Du und ich sind ein Einfall – Briefe an Andrea“. Nach dem Tod seiner ersten Frau verliebt sich Einem, Anfang 40, in seine minderjährige Nichte. Bald bietet er ihr an, den intimen Briefwechsel zu veröffentlichen.

Die Gottfried-von-Einem-Musik-Privatstiftung widmet sich der Verbreitung von Einems Musik. Im heurigen Gedenkjahr mit viel Erfolg.

Biografie Joachim Reiber: Gottfried von Einem. Komponist der Stunde null. Kremayr & Scheriau, 256 Seiten, 24 Euro. Briefe Gottfried von Einem: Du und ich sind ein Einfall. Zsolnay, 400 Seiten; 25,60 Euro.