Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 27.04.2018


Musik

“Fanta 4“ melden sich zurück

Das neue Album der Fantastischen Vier ist eine Absage an Populismus und Egoismus. „Captain Fantastic“ ist trotzdem eine grandios poppige Hip-Hop-Platte.

© Boris BreuerPioniere bekommen oft Preise, die „Fantastischen Vier“ staubten heuer den Jacob-Grimm-Preis „Deutsche Sprache“ ab: Denn als alle englisch rappten, machten sie das auf Deutsch.



Von Cornelia Ritzer

Wien – Die Geschichte der Fantastischen Vier ist eine Geschichte voller Wortspiele. „Vier und jetzt“ hieß eine 2015 erschienene Kompilation, „Die vierte Dimension“ das dritte Album und „Für dich immer noch Fanta sie“ dann ein späteres. Da passt der Titel des heute veröffentlichten (und vermutlich häufiger auf einer Musikplattform heruntergeladenen als im Laden verkauften) zehnten Albums des Hip-Hop-Quartetts gut ins Konzept: „Captain Fantastic“ heißt das 16 Songs starke Stück, und das irritiert weder langjährige Fanta 4-Fans (die sind das gewohnt) noch die Jungen, die vertraut mit einer der gerade grassierenden Comic-Verfilmungen auf die Musik stoßen sollen. Denn auch wenn Smudo, Michi Beck, Thomas D. und Andy Ypsilon bald ihr 30-Jahr-Bandjubiläum feiern werden – Hip-Hop ist immer noch Jugendkultur.

Mit dem titelgebenden Song geht es los und – Überraschung – Captain Fantastic ist kein Superheld. Vielmehr sei er eine „Geisteshaltung“, wie die Musiker im Pressetext und in Interviews wissen lassen: Appell an die künstlerische Freiheit und ein guter Geist, der Konventionen und Erwartungshaltungen eine Absage erteilt. Klingt hochphilosophisch, beeinflusst aber das Hörvergnügen nicht. Denn auch ohne dieses Wissen versteht man, was „Captain Fantastic“ will. „Wir bitten euch, schaut nicht mehr weg, wir alle hier brauchen euch jetzt“, ruft Thomas D. uns, die wir gegen die Schurken dieser Welt auftreten sollen, zu. Die hochgepitchten Stimmen werden untermalt von ungewohnt düsteren Beats mit Sirenenanklängen. So klingt das auch im angesagten Genre Trap-Rap, auch Pioniere – die Fantastischen Vier haben 1991 das allererste deutschsprachige Rap-Album abgeliefert – müssen mit der Zeit gehen.

Beim Nachdenken über die Krise und die Spaltung in der Gesellschaft landet man ziemlich rasch bei der „Endzeitstimmung“. Politik – und das ist neu – hat Einzug ins neuerdings von Freestyle-geeichten und skillreichen Rappern wie Samy Deluxe und Denyo von den Beginnern unterstützte textliche Universum der Fantas gefunden. „Geht mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation, ihr seid nicht das Volk, ihr seid Vollidioten“, schimpft Michi Beck, und man weiß, dass die rechtspopulistische AfD für ihn gerade keine Alternative ist. Es ist eine große Kunst, es zu schaffen, die Songzeile „Reich gegen Arm, Arm gegen Reich, Hunger und Durst gegen Geiz“ mit einer mitreißenden Melodie unterlegt zur Hymne zu machen. Ohne dass die Botschaft verschwindet, aber auch ohne Gefahr, dass der erhobene Zeigefinger langweilen könnte. Und für Abwechslung sorgen Nummern wie das leichtfüßig-poppige „Hitisn“ über „vier Dudes mit’m Riesenego“ (Smudo), zu dem man demnächst wohl bei einem Live-Konzert hüpfen kann.

Kontrapunkt zu den finsteren Absagen an den Populismus ist auch die Zusammenarbeit mit Clueso. Der Sänger steuert den Refrain zum radiotauglichen „Zusammen“ bei. Ein typischer Fanta-Song über die langjährige Freundschaft der Band – und das Wir überhaupt. „Denn nur zusammen ist man nicht allein, komm lass uns alles miteinander teilen“, singt Clueso. Das klingt kitschig, aber es ist nicht peinlich. Ein Verdienst der Fantastischen Vier. Hip-Hop Die Fantastischen Vier: Captain Fantastic. Sony Music.