Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.05.2018


Musik

Polt trifft Nestroy trifft Well

Die Vertreibung der Bayern war zwecklos. Vier von ihnen, Gerhard Polt und die Well-Brüder, waren in Imst zu Gast.

© Thomas Boehm / TTGerhard Polt und die Well-Brüder aus Bayern ziehen alle Register großen Kabaretts und sind In ihrer Art unvergleichlich.Foto: Böhm



Von Markus Hauser

Imst – Also ehrlich, wie oft haben wir die Bayern schon aus Tirol rausgeschmissen? Aber man wird sie nicht los. Jüngst, am Freitagabend beim Tschirgart Jazzfestival in Imst, schleichen vier von denen, die drei Well-Brüder und so ein „Witzpolt“, der Gerhard Polt, so klammheimlich von hinten auf die Bühne. Und, typisch großkopfert bayerisch, jeder mit drei, vier Instrumenten, weil eins tut’s ja nicht. Singen können sie auch noch, astrein, wie Lercherl. Doch damit nicht genug! Auf alles können sie sich auch noch einen Reim machen: über den Niedergang der bayerischen Hochkultur gemessen am steigenden Bierpreisindex. Da wundert es nicht, dass sie freien Schweinsbraten für ganz Europa fordern. Hausen tun die Well-Brüder, der Michael, der Stofferl und der Karli, im bayerischen Hausen. Da soll auch der Georg Friedrich Händel wegen eines Kutschenradbruchs a bissl Halt gemacht haben. Grund genug, dem Genius eine „Feuerwehrmusik“ in drei Sätzen zu widmen. Auch das können s’, die Well-Brüder, muss man ihnen lassen. Mit allen klaren alpinen Musikwässerchen gewaschen, wird auch auf Alphörnern gejazzt, zu Bauch- und Stepptanz aufgespielt und des schottischen Ururgroßvaters gedacht. Was würde der wohl sagen? So etwas in der Art: „Well done, my dear Well brothers, very well done.“

Virtuosen auf ihren Instrumenten allemal, aber nicht, um sich als Virtuosen feiern zu lassen, sondern um ein Lebensgefühl zu transportieren, das da sagt: „Mit ana guaden Musi is ois leichter! Und wenn man aufeinander horcht, so wie beim gemeinsamen Musizieren, dann erst recht.“ So viel Charme und Witz, ohne die kleinen Wahrheiten gegenüber den argen Tatsachen zu benachteiligen, das erlebt man nicht alle Tage. Durch und durch durchdrungen von musikalischer Raffinesse und in Noten gesetztem Hintersinn. Wenn dann so viel prickelnder Esprit auf den Geistesblitzer Polt trifft, der mit seinen gesellschaftspolitischen Befunden definitiv nicht den „Witzpolt“ gibt, dann ist ganz großes Heimatkino angesagt. In dieser Heimat haben alle Platz. Nur die nicht, die ihre Heimat als Festung verteidigen und mit Liedern aus amtsbekannten Liederbüchern besingen. Polt weiß alles, muss zu allem seinen Senf dazugeben. Die Würsteln, die er in seinen Senf tunkt, haha, die haben es aber auch so was von verdient.

Garantiert war keins von denen im ausverkauften Glenthof! Dass er Deutsch spricht, weiß man schon längst, der Begriff „Klartext“ trifft’s allerdings genauer. Sagen tut er alles, der Polt. Ob das subjektiv oder objektiv sei, sei scheißegal. Er sagt es, weil es stimmt! Wenn die Menschen auf ihn zugehen, habe er absolut nichts dagegen. Die Gesinnung sei es, die für ihn als vom Leben geschulten, nicht studierten Philosophen die Menschen in Menschen und „Grattler“ (Rülpser) unterscheidet. Aber überall seien sie, diese „Grattler“, eine echte Plage. Der Mensch sei überhaupt nur ein Zwischenwirt, befallen von Schädlingen, Fußpilz und Religionen. Und wenn er in der Politik das „Wir“ höre, denn werde ihm schon schlecht. Sein ganzes Leben sei er nie ein „Wir“ gewesen. Nein, Entertainer ist er keiner, der Polt. Er ist einer, der vom Valentin’schen Kalauer über den Polit-Spott bis hin zum Nestroy’schen Tief- und Feinsinn alle Register beherrscht. Man könnte sich gewöhnen an diese Bayern. Und wie!