Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.05.2018


Tirol

Elina Garanca: „Will niemandem etwas vorspielen“

Mezzosopranistin Elina Garanca will bei der elften Auflage von „Klassik in den Alpen“ dem Publikum „wahre Emotionen“ des täglichen Lebens bieten. Dafür setzt sie heuer auf erfahrene Gast-Stars.

© Katharina SchifflHäufig würden komplizierte Opern-Inszenierungen das Publikum auf Distanz halten, sagt Opernstar Elina Garanca im TT-Gespräch.



Wien, Kitzbühel — Opernstar Elina Garanca bringt mit Klassik in den Alpen am 7. Juli zum 11. Mal Opernstars, Dramatik und Emotion in die Kitzbüheler Bergwelt. Als musikalische Gäste hat die lettische Mezzosopranistin diesmal mit der Sopranistin Anna Pirozzi und dem Tenor Gregory Kunde zwei ganz besonders herausragende Künstler eingeladen. Mit dem Motto „Verismo" will sie heuer das wahre Leben auf die Bühne bringen. Mit der TT hat Garanca vorab über ihre Motivation, klassische Musik außerhalb der großen Opernhäuser zu präsentieren, gesprochen.

Sie haben für „Klassik in den Alpen" heuer das Motto Verismo gewählt. Was reizt Sie an dem Opernstil?

Elina Garanca: Es spiegelt das Repertoire wider, das ich jetzt singen kann. Verdi und Mascagni sind die Komponisten, die das wahre Destillat, das pure Gefühl, das wir in uns herumtragen, am verständlichsten hervorrufen. Verismo heißt ja das Wahre und in den großen dramatischen Partien kommt man ganz nahe an die Emotionen, die wir täglich erleben, heran. Wie zum Beispiel die Geschichte von Samson (Anm. aktuelle Aufführung in der Wiener Staatsoper) oder auch in der Beziehung von Amneris und Radames. Ich glaube, wir können uns mit ihnen identifizieren, weil es uns verständlich ist. Es sind Geschichten, die tatsächlich in einem kleinen Ort in Tirol passiert sein könnten.

Sie bringen ja auch heuer wieder die große Oper von den Metropolen nach Kitzbühel. Was ist für Sie das Besondere daran, außerhalb der Opernhäuser aufzutreten?

Garanca: Ich will es den Leuten einfach machen und die Angst nehmen. Ich will die Leute direkt ansprechen und mit der Emotion berühren. Ich will niemandem etwas vorspielen, wie es uns die großen Operndiven vorgemacht haben. Niemand steht morgens auf und sieht gleich so wie auf einem Zeitungscover aus. Jeder muss sich die Zähne putzen. Es sind die normalen täglichen Dinge, die mir wichtig sind, und auf dieser Ebene will ich mit den Leuten kommunizieren. Manchmal hält die Oper mit ihren komplizierten Inszenierungen das Publikum auf Distanz.

Ist das Publikum bei Open-Air-Konzerten ein anderes als etwa jenes in der Wiener Staatsoper oder der Mailänder Scala?

Garanca: Ich hoffe, ich kann als Person mit dem, was ich tue, ein gewisses Interesse hervorrufen. Dass wir Massen bewegen können, zeigen wir mit unseren Konzerten in Göttweig und Kitzbühel nun schon im elften Jahr. Es kommen ja auch immer wieder neue Leute dazu, die davon gehört haben und sagen, dass sie diese Form als sehr angenehmen empfinden, weil sie nicht so gesetzt ist. Es ist toll, dass wir es geschafft haben, nicht nur die Feinschmecker und Opernkenner zu begeistern, sondern auch Leute anzusprechen, die davor noch nie eine Opernaufführung besucht haben.

Sie haben bei Ihren Open-Air-Konzerten auch immer wieder junge, aufstrebende Künstler dabei, die nicht selten später eine große Karriere machen. Wie wählen Sie diese aus?

Granca: Das ist unterschiedlich. Heuer werden wir eher erfahrene Künstler dabeihaben. Da ist mein Mann das Programm-Genie. Er hat die Gabe, sich an jedem Abend zu steigern. Nach zehn Jahren wird auch unser Repertoire immer schwieriger und herausfordernder. Deshalb überlegen wir genau, wer noch kommen könnte. Das ist ein sehr intuitiver Prozess und muss zur Situation passen. Wenn ich heuer mit dem Verismo das wahre Gefühl erleben will, suchen wir die passenden Kollegen dazu.

Ist Ihnen die Förderung junger Künstler ein besonderes Anliegen?

Garanca: Ja. Im Juli werden wir ein neues Projekt präsentieren, das junge Künstler fördern soll. Vor Kurzem habe ich auch zu unterrichten begonnen, was mir sehr viel Spaß macht. Ein junger Künstler braucht viele Ratschläge. In der Ausbildung lernt man nur das Notwendigste, das man für diesen Beruf benötigt. Nur wenige wissen, wie man sich verkauft, wie man eine Karriere aufbaut, wie man mit einem Intendanten redet oder wie man mit dem Druck umgeht und wann man Stopp sagen sollte, weil man merkt, dass es der stimmliche oder körperliche Zustand erfordert. Ich habe die Erfahrung, warum sollte ich das dann nicht weitergeben?

Und wann ist es bei Ihnen Zeit für eine Pause? Haben Sie in Kitzbühel, wenn sich die Saison dem Ende zuneigt, Zeit zu entspannen?

Garanca: Urlaub ist für mich, zuhause zu sein. Nach Göttweig und Kitzbühel neigt sich die Saison zwar dem Ende zu, aber einige Konzerte müssen wir danach noch schaffen. Bis zum letzten Konzert sind wir noch zu 100 Prozent in Arbeitslaune und erst danach wird abgeschaltet.

Das Gespräch führte Stefan Eckerieder