Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.05.2018


Musik

Der Jazz kommt frisch aus dem Wurstfach

Er kann es noch: Anarcho-Jazzer Helge Schneider brachte am vergangenen Mittwoch die ganz große Show auf die TschirgArt-Bühne.

© Thomas Boehm / TT„Never change a winning team“: Helge Schneider, Rudi Olbrich und Peter Thoms spielten sich ins Herz von TschirgArt.Foto: Thomas Böhm



Von Barbara Unterthurner

Imst – Es wurde schon gemunkelt: Was bringt Helge Schneider dieses Mal auf die Bühne? Das große Kabarett oder ein stilles Jazzkonzert? Beides. Aber zunächst begann alles mit einem Rülpser. Ein kleiner, eleganter Rülpser, so elegant, wie Helge Schneider mit Karojackett, Einstecktuch und Sonnenbrille am Klavier sitzt. Von alterndem Playboy kann man eher weniger sprechen, wenn man den jung gebliebenen Pausenclown der Jazzszene benennen möchte. Er sieht nur so aus.

Was sich bereits zu Beginn herauskristallisierte, bestätigt­e sich im Laufe des Abends: Helge kann die große Show noch immer, weil er beides beherrscht: wildes Geschwafl­e in feinem Humor und die zarten Jazzeinlagen. Also blödelte sich Helge gut gelaunt in die Herzen der TschirgArt-Besucher. Und das, obwohl es nach 2006 und 2011 sein drittes Gastspiel in Imst war. In lässiger Attitüde kamen die drei Herren – Helge (nicht nur) am Klavier, Rudi Olbrich am Kontrabass und Peter Thoms am Schlagwerk – auf die Bühne. Mit „Guten Abend, meine Damen und Herren, das war’s für heute“. Zur Begrüßung sahnte Helge schon die ersten Lacher im fast ausverkauften Glenthof ab. Bevor er sich der „Wurstfachverkäuferin“ zuwandte, einem seiner bekanntesten Hits.

Und die anderen Evergreens ließen nicht lange auf sich warten; bereits vor der Pause ratterte er „Texas“, „Ich drück die Maus“ sowie „Es gibt Reis, Baby“ herunter. Weil Helge zwischen den Songs monologisiert, haben auch nicht mehr Lieder Platz. Eine Unterhaltung der anderen Art und Weise, wenn Helge von seiner (Nicht-)Begegnung mit Duke Ellington, von Bauer Erwin und dem Federvieh oder von diversen Ausflügen in fremde Länder erzählt. Absolviert werden diese natürlich auch mit unterschiedlichen Instrumenten. Hier zeigt der Multiinstrumentalist sein Können und brilliert mit Panflöte, Gitarre oder Marimbaphon. Ein Höhe­punkt ist auch das knarzige Sezieren der deutschen Nationalhymne, die man doch für die Deutschen mit dem „Happ­y Birthday“ ersetzen könnte, wäre doch viel leichter zu spielen.

So tobt Helge rund zweieinhalb Stunden über die Bühne, unermüdlich improvisierend. Und dabei verzeiht man ihm jeden kleinen musikalischen Fehler und jede wörtliche Ungereimtheit, weil er selbst an der Show so viel Spaß hat. Ja, dann hat er eben die Nebelmaschine von Tina Turner gebraucht gekauft, welche sie damals noch neu von Meat Loaf erstanden hatte. Hauptsache, „das nächste Lied ist wieder mit Musik“.

Es ist das Changieren zwischen sprachlichem Nonsens, den Helge so über den Abend verteilt von sich gibt, und den kleinen, feinen Jazzstandards à la „Autumn Leaves“, mit denen das Trio bezaubert. Heimlicher Star ist der kühle Peter Thoms, der nicht nur in allen Helge-Filmen mitspielte, sondern ihn als Drummer bereits etliche Jahre auf der Bühne begleitet. Und das, obwohl klar Helge den Takt vorgibt.

Ganz am Schluss, zur Zugab­e mit unfreiwilligem Fankontakt, riecht es nochmal richtig nach Jazzclub. Besonders weil Helge am Saxophon kaum Möglichkeit zum Dazwischenquatschen hat. Mal so, mal so – Helge enttäuscht niemanden: nicht die Blödler, die bei jedem flapsigen Kommentar des Comedian ausflippen, und nicht die Jazzer, die ob der genialen musikalischen Einlagen gekommen sind. Helge beherrscht beide Genres aus dem Effeff.




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