Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.05.2018


“Heart of Noise“-Festival

Raus aus der Echokammer

Von 30. Mai bis 2. Juni findet das Innsbrucker „Heart of Noise“-Festival statt. Die musikalische Erkundungsfahrt geht heuer zurück zu den Wurzeln – und über die Stadtgrenzen hinaus.

© HoNDie gefeierte US-amerikanische Musikerin Jlin tritt am 2. Juni im Keller des Innsbrucker Treibhaus auf.



Von Joachim Leitner

Innsbruck – Vom argentinischen Überliteraten Jorge Luis Borges stammt das schöne Bild vom Erzählen als Garten, in dem sich die Pfade immer wieder aufs Neue verzweigen. Und schon Ingeborg Bachmann wusste: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Auf den ersten Blick sind Bachmann und Borges zwei ziemlich unwahrscheinliche Gewährsleute für ein Musikfestival. Zumal sich das Innsbrucker „Heart of Noise“ seit seiner ersten Auflage 2011 der Klangkunst weit abseits formatradiotauglicher Berieselung verschrieben hat. Deren Schönheit lässt sich nur ergründen, wenn man sich darauf einlässt. Weshalb die „Heart of Noise“-Macher Chris Koubek und Stefan Meister den vielzitierten Bachmann-Sager flugs umgedichtet haben: „Die Schönheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und Borges’ weit verzweigte Gartenpfade wurden mit Schmetterlingen verziert.

Womit wir beim Motto des 8. „Heart of Noise“-Festivals wären, denn: Bevor der Flügelschlag eines Schmetterlings den Lauf der Welt verändern kann, muss sich die ehemalige Raupe aus ihrem Kokon kämpfen. Und Ähnliches wünscht sich das Festival für die gegenwärtige Gesellschaft: „Decoconing Society“, sprich raus aus den Filterblasen und Echokammern des Eh-schon-Kennens und Eh-schon-Wissens. „Wir wollen der Schubladisierung des Alltags etwas entgegensetzen und Impulse für neue, vielleicht ganz unerwartbare Erfahrungen geben“, erklärt Chris Koubek im Gespräch mit der TT. Dem Gewöhnten und Gewöhnlichen sollen neue Perspektiven abgetrotzt werden. Für das Ungewöhnliche, das – wie Koubek sagt – „sprichwörtlich Unerhörte“, soll zusätzlicher Spielraum gefunden werden.

Im Vergleich zum Vorjahr wagt sich das Festival, das seine angestammte Spielstätte, die alten Stadtsäle, verloren und seine – dem Vernehmen nach – künftige, das Haus der Musik noch nicht erobert hat, auffallend stark hinaus in den Stadtraum. „Festival-Mittelpunkt bleibt auch 2018 das Treibhaus, wo die großen Konzerte angesetzt sind“, so Koubek, „aber es wird auch ein Open Air im Hofgarten sowie eine Straßenbahnfahrt ins Umland geben.“ Letztere gestalten die Tiroler Musiker Maurizio Nardo (Brttrkllr) und Lissie Rettenwander. Der „TRAMatic Ride“ ist für Samstag, 2. Juni, angesetzt, bespielt die Stubaitalbahn. „Ein exklusiver Event“, sagt Koubek, „es gibt nur 100 Plätze. Wer da zu spät kommt, verpasst etwas.“ Treffpunkt ist 14 Uhr bei der Haltestelle Leipzigerplatz. Ganz klassisch geht der musikalischen Erkundungsfahrt die Suche nach Übersicht voraus: Auch heuer bezieht das Festival wieder seinen inzwischen traditionellen Aussichtsposten am architektonisch höchsten Punkt Innsbrucks: Am 1. Juni ist hoch über den Dächern der Stadt auf dem Rooftop des Pema-Turms ein DJ-Symposium angesetzt: Unter dem Motto „Back to the roots“ setzen der Berliner DJ Bleed und DJ Katapila aus Ghana nachgerade auf klassische Beats aus ganz verschiedenen Weltgegenden.

„Back to the roots“ hätte sich im Übrigen auch als – zugegeben recht einfallsloses – Gesamtmotto für das diesjährige Festival angeboten. Denn 2018 verfolgt „Heart of Noise“ nicht zuletzt die Fluchtlinien neuester Klang-Kunst zurück zu möglichen Ursprüngen: Mit Juan Atkins etwa gastiert gleich zum Auftakt (30. Mai) jener Musiker im Treibhauskeller, der etwa mit der Single „No Ufos“ (1985) den Tanzboden dafür bereitete, was später unter dem Schlagwort Techno zum Soundtrack der unbeschwerten 1990er-Jahre wurde. Und auch Jlin, eine der dieser Tage am meisten gepriesenen Gesamtkunstwerklerinnen der Szene, leistet gewissermaßen Grundlagenarbeit, wenn sie gut abgehangene Sounds in ihre Bestandteile zerlegt – und neu zusammenfaltet. Gemeinsam mit der Videokünstlerin Theresa Baumgartner präsentiert JLin am Samstag, 2. Juni, Visualisierungen ihres jüngsten Albums „Black Origami“.

Heart of Noise 2018

Warm-up. Gemeinsam mit dem grenzüberschreitenden Musikwettbewerb Upload-Sounds lädt das „Heart of Noise“ heute Abend zum musikalischen Vorglühen in die P.M.K. Ab 20.30 Uhr stehen zunächst treibgut und als Headliner das britische Duo Naked auf der Bühne.

Auftakt. Eröffnet wird die 8. Festivalauflage am Mittwoch, 30. Mai, mit Konzerten von Arpanet, Glenn Underground und Juan Atkins im Treibhauskeller. Beginn: 22 Uhr.

Tag 2. Am Donnerstag, 31. Mai, gastieren Marc Baron und Kassel Jäger im Treibhausturm (ab 21 Uhr) und Tim Hecker, Bliss Signal, Errorsmith und Rrose im Treibhauskeller (ab 23 Uhr).

Tag 3. Nach dem „DJ Symposium“ auf dem Pema-Turm stehen am 1. Juni unter anderem Auftritte des Tape Loop Orchestra und Ekin Fil (ab 21 Uhr im Treibhausturm) sowie von The Speaker, Goldflesh und Alec Empire (ab 0 Uhr im Treibhauskeller) auf dem Programm.

Tag 4. Neben dem „TRAMatic Ride“ haben sich für den 2. Juni u. a. Tomoko Sauvage, Klein, Lee Gamble und Jlin im Treibhaus angekündigt. Beginn: 21 Uhr. Der Ticketvorverkauf läuft bereits. Infos: www.heartofnoise.at




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