Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


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Kuhn-Nachfolge in Erl wird ausgeschrieben

2020 wird Gustav Kuhn die Leitung der Tiroler Festspiele abgeben. Einen Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen den Dirigenten gebe es nicht, sagt Festivalpräsident Haselsteiner.

© Thomas Boehm / TTGustav Kuhn (links) gründete die Tiroler Festspiele Erl 1997. Der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner ist Präsident und Mäzen des Festivals.



Von Joachim Leitner

Erl – Die Tiroler Festspiele Erl bekommen im September 2020 einen neuen Künstlerischen Geschäftsführer. Wie Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner der TT bestätigte, wird die Nachfolge für Gustav Kuhn, der das Festival 1997 gründete und seither künstlerisch und organisatorisch verantwortet, dieser Tage ausgeschrieben.

Mit den zuletzt vorgebrachten Vorwürfen gegen Kuhn habe diese Entscheidung „absolut nichts“ zu tun, so Haselsteiner. Vielmehr sei sie von langer Hand geplant gewesen. Bereits im Frühjahr 2016 deutete Kuhn am Rande einer Pressekonferenz an, sich 2020 aus dem operativen Geschäft zurückziehen zu wollen.

Im Zuge der #MeToo-Debatte veröffentlichte ein Tiroler Blogger Anfang des Jahres anonymisierte Vorwürfe gegen Gustav Kuhn. Diese reichen bis zu sexueller Nötigung. Kuhn reagierte mit einer Privatklage wegen übler Nachrede und Verletzung der Unschuldsvermutung gegen den Blogger. Der Prozess findet derzeit am Landesgericht Innsbruck statt. Am 22. Mai soll Kuhn einvernommen werden. Bei den bislang zwei Verhandlungsterminen fehlte der Dirigent entschuldigt. Ausgesagt haben indessen zwei Entlastungszeuginnen der Verteidigung. Darunter eine Künstlerin, die noch vor wenigen Jahren in Erl engagiert war.

Das laufende Verfahren wolle er nicht kommentieren, so Haselsteiner. Nur so viel: „Handlungsbedarf gibt es derzeit keinen. Wenn etwas auftaucht, worauf wir reagieren müssen, werden wir reagieren. Dann ist die unabhängige Ombudsfrau (die ehemalige grüne Soziallandesrätin Christine Baur; Anm. d. Red) gefragt.“

Er hätte die Ablöse von Gustav Kuhn zunächst für das Passionsspieljahr 2019 angedacht, sagt Haselsteiner – und letztlich dem Wunsch des Festspielleiters, „noch ein Jahr dranzuhängen“, nachgegeben. Kuhn wird 2020 75 Jahre alt und sein Debüt als Dirigent jährt sich zum 50. Mal. „Ein schöner Anlass, um kürzerzutreten“, so der Festspielpräsident.

Präferenzen für Kuhns Nachfolge gebe es keine, „aber ein klares Anforderungsprofil“, erklärt Haselsteiner. Eine Frau an der Spitze der Festspiele würde er begrüßen. Frauen seien in vergleichbaren Positionen „extrem unterrepräsentiert“. Ob Gustav Kuhn den Tiroler Festspielen auch über 2020 hinaus als Dirigent erhalten bleibt, lässt Haselsteiner offen: „Wenn das sein Wunsch ist, steht dessen Erfüllung nichts im Weg.