Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 24.05.2018


Musik

Wiederentdeckung der Tape-Kultur

In der Kulturbackstube Bäckerei zeigt eine Ausstellung unterschiedliche Facetten eines alten, neuen Mediums.

© TT/Julia Hammerle„Auch die Haptik spielt eine wichtige Rolle“: Ausstellungskurator Albi Dornauer mit einigen seiner Sammlerstücke.Foto: Hammerle



Von Marianna Kastlunger

Innsbruck – Kassetten gelten als robust, günstiger und leichter zu vervielfältigen als CDs. Ob deshalb auf den Vinylboom bereits die nächste Belebung eines totgeglaubten Mediums folgt? In Zahlen gegossen manifestiert sie sich zunächst zaghaft: Der Verkauf von Audio-Kassetten soll laut Nielsen Media Research im Jahr 2016 zwar um 74 Prozent und 2017 um 35 Prozent gewachsen sein, weltweit waren es letztes Jahr doch „nur“ 174.000 Stück. Und trotzdem setzen auch hierzulande kleine Musiklabels auf Kassettenproduktionen. „In Städten wie Khartum oder Addis Abeba gehören Kassettenshops allerdings zum ganz normalen Medienangebot“, weiß der Musikexperte und Sammler Albi Dornauer, der sich schon oft und weltweit auf Tonträgerschatzsuche begab.

Für die Ausstellung „Tapes, Kassetten & K7“, die heute Abend eröffnet wird, hat er als Kurator sehr viele davon zusammengetragen. Sie werden als begehbare Rauminstallation in Form einer Riesenkassette, in Schaukästen mit Walkman oder auf Tischen mit Gettoblaster platziert, sprich: Sie können auch angehört werden.

Die Ausstellung erzählt aber nicht nur von Raritäten aus fernen Kontinenten, sondern auch von hiesigen zeitgeschichtlichen Dokumenten. Darunter sind etwa Aufnahmen der Innsbrucker Kassettenzeitung „Senderfreies Innsbruck“, kurz SFI, zu finden, also regelrechte Podcast-Vorläufer mit „lauwarmen News aus der Ibk-Szene“.

Zwischen 1987 und 1990 erschien sie in etwa alle zwei Monate, man konnte sie abonnieren. Es gab Berichte über die neue Modeschau von Hermine Span, über die Lage der Österreichischen Hochschülerschaft, ein Gespräch mit Norbert Pleifer oder Demos von lokalen Bands und Konzertmitschnitte. Andere Tapes zeugen von den Anfängen der Innsbrucker DJ-Kultur, die Anfang der Achtziger nicht wie anderswo aus der US-amerikanischen Hiphop-Szene kam, sondern bereits zuvor aus den Diskos Norditaliens in Form von Cosmic Music importiert wurde: „Namen wie DJ Enne, Stefan Egger oder DJ Navajo waren schon damals maßgeblich an diesem Phänomen beteiligt, das sich in den folgenden Jahrzehnten bis nach Bayern ausbreitete“, sagt Dornauer. Um dieses Stück Stadtgeschichte festzuhalten, werden Tonträger mit den Bands digitalisiert werden und in weiterer Folge im Innsbrucker Subkulturarchiv verfügbar sein.

Ein weiterer Aspekt der Ausstellung ist das Thema „Hometaping“, wo ersichtlich wird, wie privat, individuell und dennoch niederschwellig Kassetten waren und nach wie vor sind. Dass sich auch neue Bands wieder dem Medium Audiokassette zuwenden, kommt für Dornauer nicht von ungefähr. Viele Musikfans sehnen sich vermehrt nach organischen Klängen, die nicht glattgebügelt und makellos daherkommen, sondern eben knarzen und rauschen. „Die Herstellung und Vervielfältigung sind leicht, zudem schauen Tapes personalisierter aus. Das gefällt. Selbst die Haptik spielt eine wichtige Rolle“, sagt der Kurator.