Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.05.2018


Musik im Riesen

Philip Glass in Wattens: Der späte Auftritt eines großen Künstlers

Bis zu vier Pianisten und ein Orchester zelebrieren in Wattens die Musik von Philip Glass. Der gefeierte Komponist setzt sich auch selbst ans Klavier.

© Swarovski KristallweltenSeltener Anblick. Philip Glass tritt wie hier in Wattens nicht mehr oft am Klavier in Erscheinung.



Von Markus Schramek

Wattens – Ein internationaler Star der Klassikszene gastiert in Wattens. Was das bedeutet? Improvisieren! Denn für den Auftritt von Philip Glass, Komponist und Pianist mit großer Anhängerschaft, muss beim Kammermusikfestival „Musik im Riesen“ zuerst ein passender Groß-Raum gefunden werden.

1000 Menschen nehmen schließlich am Freitagabend im halbfertigen neuen Schleifzentrum von Swarovski Platz – auf unbequemen Klappsesseln und bei stickig-schwüler Luft. Dann die Hiobsbotschaft: Glass, 81, kämpft mit Kreislaufproblemen. Programmänderung. Der Star des Abends, um dessen Musik es einzig gehen soll, kommt später. Bange Blicke. Ob er überhaupt zu sehen sein wird?

Gegen 22 Uhr erklimmt Glass vorsichtigen Schritts die Bühne. Der US-Amerikaner setzt sich an den Steinway-Flügel und beglückt, kaum jemals aufblickend, das Publikum mehr als zehn Minuten lang mit seinem Klavier-Solo „Mad Rush“: ein mehrfach zerlegtes, wiederkehrendes Grundmotiv, für Glass’ Musik so typisch, Kaskaden von Noten, lebhaft und melancholisch im Grundton, wie ein Gebirgsbach, der talwärts gurgelt.

Mucksmäuschenstill ist es in der ausverkauften Halle. Ein Glas, das laut klirrend aufschlägt, stört. Der Künstler spricht kein Wort. Doch seiner Ausstrahlung vermag sich niemand zu entziehen.

Tosender Beifall bei Glass’ Abgang. Er hat den Boden bereitet für das nun folgende „Tirol Concerto for Piano and Orchestra“ aus seiner Feder.

Im Jahr 2000 als Soundtrack für einen Werbefilm der Tirol Werbung entstanden, hat der zweite Satz aus dem Concerto das Zeug zur heimlichen Landeshymne. Dirigiert von Dennis Russell Davies, einem Wegbegleiter von Glass, webt das junge Tiroler Kammerorchester Inn- Strumenti einen feinfühligen, zauberhaften Klangteppich. Die Solistin am Klavier, Davies’ aus Japan stammende Ehefrau Maki Namekawa, im Kimono gewandet, sprüht vor Spielfreude. Das „Tirol Concerto“ wird der Höhepunkt des Abends.

Das soll aber keineswegs die Leistung des Ehepaars Davies und Namekawa von vor der Pause schmälern. Da glänzen beide mit Auszügen aus Glass’ Kompositionen und Opern, jeder am Klavier oder vierhändig an einem: harmonisch, unterhaltsam, respektvoll dem anderen gegenüber.

Schwer zugänglich, vielleicht zu modern, kommen hingegen die zwei Glass-Stücke für vier Klaviere herüber. Francesco Prode und Emanuele Torquati vervollständigen dabei mit Davies und Namekawa das Quartett an den Konzertflügeln.

Das Kammerorchester InnStrumenti, dirigiert von Dennis Russell Davies und mit Maki Namekawa am Flügel, beim „Tirol Concerto“.
- Swarovski Kristallwelten

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