Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 02.06.2018


Musik

Lissie Rettenwander: Die Emanzipation des Klanges

Musik als Experiment: Lissie Rettenwander schafft über ihre Musik einen neuen Zugang zu Tradition. Ein Porträt über eine Musikerin, die die Gratwanderung zum Konzept macht.

© Gustavo PetekRudi Rettenwander (Bauer), Lissie Rettenwander (Musikerin), Nina (Glockenkuh).



Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Bevor Musik war, war da Klang. Die Kuhglocken der Kälber auf der Alm, die Vögel im Wald und das Geräusch von Schaufeln beim Ausmisten im Stall. Mit solchen Sound-Bildern beschreibt Lissie Rettenwander ihre musikalischen Anfänge. Die eben im Klang lagen und nicht in der Musik. Nicht verwunderlich also ihr Werdegang von der Musikerin hin zur Klangkünstlerin, von der Volksmusik zum Noise.

Auch bei Rettenwanders Musik werden klassische Elemente wie Töne durch Geräusche ersetzt. Und auf Melodie und Rhythmus weitestgehend verzichtet. Trotzdem will die Kitzbühelerin ihre Musik gar nicht als Noise kategorisieren lassen: „Es hat etwas Avantgardistisches, Performatives, es ist experimentell, es ist Improvisation, aber auch das klassische Liedformat kommt vor. Es ist eine Art Dekons­truktion und gleichzeitig eine Hommage an die Volksmusik, die Volkslieder und die Volksmusikinstrumente“, meint Rettenwander im TT-Gespräch. Ein Gespräch über ihre Musik ist also immer auch ein Gespräch über Tradition und Herkunft.

Aufgewachsen ist Lissie nahe Kitzbühel, auf dem Hof der Familie arbeiteten die Geschwister Rudi und Lissie schon seit Kindertagen fleißig mit. Abseits der Arbeit wurde stets auch zusammen musiziert: „Jedes Kind bekam ein Instrument zugewiesen. Bei mir war es die Zither“, erzählt die inzwischen in Wien lebende Musikerin. Gelernt habe sie die Lieder vom Band oder einfach beim gemeinsamen Spiel. Erst als die Kitzbühelerin nach Innsbruck kam, sattelte sie auf die Gitarre um und begann, selbst Songs zu schreiben. Über die E-Gitarre und deren Effektgeräte kehrte die Musikerin wieder zu ihren Ursprüngen zurück: „Ich habe die Effekte dann einfach auf die Zither übertragen. Das eröffnete für mich ganz neue Klangwelten“, erklärt Rettenwander.

Die Zither übernimmt bei der Musikerin neue Funktionen, kann sogar als Percussionsinstrument verwendet werden. Ihre Entwicklung hin zur experimentellen Musik hängt auch mit ihrer Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst zusammen. Stark verknüpft mit dem Kunstraum Innsbruck und der Innsbrucker Off-Szene um p.m.k. und Workstation, trat Lissie Rettenwander mit ihrer neuen Gratwanderung zwischen Musik und Performance auf.

Bei diesen Anlässen entstehen die Tracks live und spontan. Die Vorgaben liefern die Instrumente, die sie verwendet. „Ich bin eine Live-Musikerin, mit Platten kenne ich mich gar nicht so gut aus“, erzählt Rettenwander. Trotzdem kommt die diesjährige Edition der Heart-of-Noise-Platte „Inside“ aus ihrer Feder; eine ebenso live und spontan eingespielte Auswahl an Klangstücken. Auf das „Gemeinschaftsprojekt“, realisiert mit Jürgen Brunner und grafisch gestaltet von Christoph Hinterhuber, ist die Musikerin stolz, trotzdem zelebriere sie Musik viel lieber als sozialen Akt. Sie schätze das kollektive Erleben an der Musik. Nicht fehlen darf die altbewährte Zither (gern auch in vierfacher Ausführung), aber auch Stimmgabel oder Me­tronom dienen Rettenwander als Mittel des Klangerzeugnisses. Ebenso Effektgeräte wie Loop-Station oder Distortion-Geräte, die den Klang um mehrere Ebene erweitern. Zuletzt ist es dann auch der eigene Klangkörper, die Stimme, die die Performance abrundet.

Kompromisslos bewegt sich Rettenwanders Musik zwischen Tradition und Experiment. „Bei mir haben sich die Instrumente emanzipiert, ebenso wie die Musikrichtungen“, erklärt die Kitzbühelerin. Dass man sich in der Szene der experimentellen Musik nicht über ihre Liebe zur Volksmusik wunderte, überraschte die Musikerin. „Oftmals glaubt man, die Volksmusik hätte dieses Image der Heimattümelei“, erklärt Rettenwander, „ich habe das in meiner Musik abgelegt.“ Durch die Verwendung einzelner volkstümlicher Elemente gelinge ihr dabei ein neuer Zugang zur Tradition.

Dabei ist Rettenwander stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. So gründete sie etwa ein Stimmgabelensemble, das ein Messgerät in das Zentrum der Musik stellt. Auch das Metronom emanzipiert sich bei Rettenwander von seiner eigentlichen Funktion.

Zurück in Tirol, trifft Lissie Rettenwander heute im Rahmen des Heart of Noise Tramatic Ride auf Gleichgesinnte wie Maurizio Nardo (Brttrkllr), mit dem sie bereits früher zusammengearbeitet hat. Man darf sich also auf reichlich Experimentierlust einstellen. Musik im klassischen Sinn hört die Musikerin – die Berufsbezeichnung ist für Rettenwander eben die „pragmatischste“ – übrigens privat nach wie vor nicht: „Ich mag es eben zu hören, wie alles klingt. Bewegung ist Geräusch. Leben ist Geräusch.“