Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.06.2018


Heart-of-Noise-Festival

Eine Straßenbahnfahrt ins Herz des Tiroler Noise

Das Innsbrucker Heart-of-Noise-Festival überzeugte heuer wieder ein großes Publikum mit unkonventionellen Klangerlebnissen.

© Christa PertlHeart of Noise im öffentlichen Raum: Anlässlich des "TRAMatic Ride" wurde eine Straßenbahnfahrt bespielt, u. a. von Lissie Rettenwander.



Von Marianna Kastlunger

Innsbruck – Die Musik am „Heart of Noise” kann mitunter rauschen, wummern und sogar ein bisschen entsetzen. Sie hat sehr wenig bis gar nichts mit klassisch strukturierten, kommerziellen Popklängen gemein, womit Noise-Neulinge zunächst einmal klarkommen müssen. Hinter der vermeintlichen Strukturlosigkeit stehen jedoch immer durchdachte Konzepte, die früher oder später neugierig machen: „Selbst wenn man sich vorerst dagegen wehrt, lohnt es sich allemal, sich in die neue Klangwelt fallen zu lassen“, empfiehlt Chris Koubek. Wer also einen Zugang zur Materie finden will, sollte sich die notwendige Zeit nehmen, um die Wirkung vielfältiger audiovisueller Gesamt­erlebnisse zu erfahren.

Eben genannten Zugang findet ein immer größer werdendes Publikum. Nach einem intensiven Wochenende lautet Koubeks Fazit: „Wir sind total zufrieden, Haupt- und Nebenevents waren sehr gut besucht“, so der Veranstalter des nunmehr achten Heart-of-Noise-Festivals, das vergangene Woche von Mittwoch bis Samstag in und um Innsbruck stattfand. Das dramaturgisch wohl überlegte Programm bot an unterschiedlichen Schauplätzen eine Vielzahl an Klang- und Musikperformances, die Vorgefertigtes und Bekanntes transzendieren, neu erforschen und zusammensetzen.

Dabei achten die Kuratoren Koubek und Stefan Meister stets auf gewisse Spannungsbögen, die vom radikalen Klangexperiment bis in die Clubatmosphäre reichen. Erlebbar wurden diese programmatischen Kontraste etwa durch das fast zärtlich anmutende Spiel mit Wasserschalen und Unterwassermikros von Tomoko Sauvage, die am vergangenen Samstag den Abend im Treibhaus eröffnete. Oder durch die subtile, feine und dennoch vielschichtige Musik von Marc Baron und Kassel Jäger am Donnerstag. „Zu später Stunde wurde es dann gern intensiver. Wir wollen nämlich auch dem Tanz, Körperlichem und Hedonismus Platz bieten – das gehört schließlich auch zum Klangerlebnis“, sagt Koubek.

In diesem Zusammenhang spielen freilich auch die Performance-Locations eine tragende Rolle. Der Treibhauskeller wurde hierfür verändert: Die normale Bühne diente als Publikumsebene, die eigentliche Festivalbühne war niederschwelliger und stand im 90-Grad-Winkel zum gewohnten Setting, was dem Gesamtraum eine intensive Clubatmosphäre mit vielen Blickwinkeln verlieh. Aber auch die Straßenbahnfahrt Richtung Stubaital, mit Darbietungen von Lissie Rettenwander und Maurizio Nardos Brttrkllr, die Pavillonspiele mit Anma, Aron Stadler und Zenial im Innsbrucker Hofgarten oder die Livefilmvertonung mit Christoph Fügenschuh im Cinematograph – alle Performances verfügten über individuelle Qualitäten. Die pinke begeh- und besitzbare Rauminstallation von columbosnext sowie das sommerliche Wetter machten den Platz vor dem Treibhaus zum angenehmen Pausentreffpunkt zwischen den Acts.

Im Rahmen des Festivals entsteht seit sechs Jahren auch eine Platte mit neuen lokalen Künstlerinnen oder Künstlern, womit „sozusagen Impulsförderung geleistet wird: eine nachhaltige Angelegenheit – das Festival ist zwar vorbei, aber ein Produkt bleibt, das auch den Kunstschaffenden weiterhilft“, so Koubek. Die aktuelle „Vinyl Edition 06“ wurde gemeinsam mit Pulverin geschaffen und am Samstag im Treibhaus präsentiert. Pulverin-Sänger und Posaunist Ottó Horváth agiert dabei gemeinsam mit dem Sänger und Gitarristen Daniel Schatz, das Duo überzeugt mit unkonventionellen, fast irrwitzigen Stücken, die mit vollem Körpereinsatz dargeboten wurden.




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