Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.06.2018


Musik

Ein Fest der Jugend und der Musik

200 Jahre Innsbrucker Musikverein: 300 junge Menschen und Solisten des Konservatoriums führten im Congress als Höhepunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten Mendelssohn-Bartholdys Oratorium „Elias“ glanzvoll auf.

© TLK/SchumacherEinblick in die "Elias"-Aufführung. Neben Dirigent Dorian Keilhack Bariton Daniel Schmutzhard. Hinter der Geigerin über ihm Paul Schweinester, links Gabriele Erhard.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Er war genial begabt und gebildet, ein sonniger Charakter von romantischer Empfindsamkeit, weltoffen und vorurteilsfrei. Er wuchs christlich auf (die Familie trat vom Judentum zum Protestantismus über), im Sinne eines europäischen, humanistisch geprägten Liberalismus. Felix Mendelssohn-Bartholdy, der übrigens das Konservatorium in Leipzig gründete, kannte keine religiöse Spaltung und beruflich keinen Konkurrenzneid.

Welche ideale Wahl, Mendelssohn an 300 junge Menschen heranzuführen, um aus Anlass des Jubiläums ihrer musikalischen Ausbildungsstätte sein Oratorium „Elias“ zu erarbeiten. Am Samstag kam es zur glanzvollen Aufführung vor einem Publikum, das einen Gutteil des klingenden Tirol repräsentierte.

Die Congressbühne war in voller Breite und Tiefe gefüllt, es wirkten mit: das Orchester des Tiroler Landeskonservatoriums sowie der Konservatoriums-Chor (Einstudierung Claudio Büchler), der Chor des Musikgymnasiums Innsbruck (Siegfried Portugaller) und die Wiltener Sängerknaben (Johannes Stecher), als Solisten Maria Erlacher (Sopran), Gabriele Erhard (Alt), Paul Schweinester (Tenor) und Daniel Schmutzhard (Bariton), zudem Solisten und Solistinnen aus dem Gesamtchor von insgesamt über 230 Sängern. Es war ein Fest der Jugend, der Musik, der Überredungskraft und eine mühelos überzeugende Leistungsschau. Das mit Publikumsovationen endende Konzert wird auf DVD dokumentiert.

Gut gewählt war „Elias“ auch aufgrund seines Charakters, der Kontemplation mit Theatralischen Szenen verbindet. Der Riesenchor kam mit den – gerade Jugendlichen vertrauten – Stimmungs- und Temperamentwechseln bestens zurecht, vorbildlich in Sprachdeutlichkeit, Sinnerfassung, Homogenität und Plastizität. Da war, trotz der Masse und möglichen Wucht, ein wohlausgewogener Klang, reizvoll vertieft durch die Knabenstimmen. Ein volltönendes Tenorregister, wie es heute selten ist, junge, frische, nie schrille Soprane, ein klangvoller Alt, fundierende und fundierte, nicht zu schwere Bässe – wo und wann ist im Laienbereich darüber zu berichten? Die Solisten und Solistinnen bezeugten engagierte Nachwuchsarbeit. Sehr schön der Knabe und die Engel.

Den Reihen der Wiltener Sängerknaben entwuchsen viele Sänger mit internationalen Karrieren. Zwei von ihnen, die vor ein paar Tagen, als dem traditionsreichen Knabenchor der Jakob-Stainer-Preis des Landes verliehen worden war, ihre Verbundenheit mit diesem Ensemble bezeugt hatten, standen nun als Solisten auf der Bühne. Paul Schweinester lieh seinen hellen, jungen Klang den Tenorpartien. Daniel Schmutzhard war ein grandioser Elias mit hochdifferenziertem Einsatz seines prachtvollen Baritons, der sich noch immer in Fülle und Klang weitet und entwickelt. Den biblischen Propheten, der durch Gott Wunder wirkt und schließlich im Feuerwagen in den Himmel auffährt, sang er tief erfühlt in dessen kämpferischem Zorn, dessen Demut und Verzweiflung. Dazu kamen der nun etwas schwerer und metallischer werdende Sopran Maria Erlachers und der charaktervolle Alt von Gabriele Erhard. Beide Damen unterrichten am Tiroler Landeskonservatorium.

Das Konservatoriums-Orchester erwies sich einmal mehr als fähiges Ensemble voll Engagement und vielversprechenden Einzelleistungen (Oboe, Solocello!) und bereitete die Bühne für die quälende jahrelange Dürre, die erfolglosen Propheten Baals, den ersehnten Regenguss, den hochstürmenden Feuerwagen und die anderen reichen Bilder, die Sanftmut und die Raserei.

Das alles hatte Dorian Keilhack vorbereitet und vollbrachte nun mit großräumig lenkender dirigentischer Hand eine intensive, aber lohnende und lautstark belohnte Arbeit.

Gefeiert wurde an diesem Samstagabend der Ursprung des heutigen musikalischen Ausbildungsnetzes samt Präsentationen: Der Südtiroler Benediktinerpater Martin Goller (seine Messen werden noch aufgeführt) war mit Innsbrucker Bürgern maßgeblich um die Gründung des „Vereins zur Beförderung der Tonkunst“ mit angeschlossener Musikschule bemüht. Am 2. Juni 1818 trat die konstituierende Versammlung des Musikvereins zusammen. Bemerkenswert: Schülern aller sozialer Schichten wurde der Unterricht ermöglicht. Mittellose Schüler wurden auf Kosten des Vereins ausgebildet, mit der Verpflichtung, nach Studienende drei Jahre lang unentgeltlich bei Aufführungen des Vereins mitzuwirken. Deren Erlös kam wiederum der „Unterstützung armer Studierender“ zugute. In der Nazizeit wurde der Verein aufgelöst. Heute existieren aus dieser fruchtbaren Urzelle das Tiroler Landeskonservatorium, die Musikschule Innsbruck und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck.