Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.06.2018


Landestheater

Kreativer Zauber anno 1790

Begeisterter Premierenapplaus im Landestheater für „Der Stein der Weisen“, Emanuel Schikaneders bezauberndes, ernst zu nehmendes Singspiel.

© LarlHoch aufsteigende Zauberinsel im Großen Haus des Landestheaters mit zwei Liebespaaren, Dirigent, Orchester, Chor, Erzählerin und Arik Brauers farbintensiven „Zauberflöte“-Aquarellen.



Von Ursula Strohal

Innsbruck – Konzertante Opernaufführungen kitzeln die Fantasie. Suggerieren dem Orchester die Rolle des Regisseurs, verantworten dem Chor noch mehr Kommentar und Stimmung an, und wenn dann Bühnen- und Lichtgestaltung sowie erstklassige, spielfreudige Gesangssolisten dazukommen – wem geht noch irgendetwas ab?

Der „Stein der Weisen oder Die Zauberinsel“ von Emanuel Schikaneder und seinem Komponistenteam unter ein wenig Mitwirkung von Wolfgang Amadeus Mozart ist ein bezauberndes, ernst zu nehmendes Singspiel, das uns heute noch Unterhaltung und einen Einblick in das Wiener Musiktheater abseits der höfischen Oper bereitet. Es wurde 1790 im Wiener Theater auf der Wieden uraufgeführt. Mozart, Genius über allem, war sich nicht zu gut.

Schikaneder, bekanntlich Librettist der „Zauberflöte“, hätte nicht abseits eigener Melodiefindung weitere Tonschöpfer für „Der Stein der Weisen“ gebraucht, wollte er es billig geben. Musikwissenschafter Michael Lorenz über den Hauptkomponisten des Singspiels: „Trotz seinem jungen Alter erwies sich Henneberg als erstklassiger Komponist und Orchesterleiter, der das künstlerische Niveau des Orchesters hob und das Repertoire des Theaters um bedeutende Werke vermehrte.“

Den Sänger Franz Xaver Gerl nennt er einen „immer noch sträflich unterbewerteten“ Komponisten. Auch der Tenor und enge Mozart-Freund Benedikt Schack war als Komponist anerkannt. Sie waren beim „Stein der Weisen“ und ein Jahr später bei der „Zauberflöte“ dabei. Das alles ist zu hören, verstärkt durch Angelika Wolffs szenische Einrichtung.

Es gibt einfache Stücke, Gebrauchsmusik der Zeit mit ihren Floskeln, lustige Passagen, Bildhaftes wie das Jagdgeschmetter um ein Hirschgeweih, die Schläge des Schmids und den historisch üblichen posaunengetragenen Blick in die Unterwelt.

Im Verlauf des Märchens steigert sich mit den äußeren Komplikationen der musikalische Anspruch. Die Komponisten haben wohl Gluck gekannt, Haydn und Mozart ohnehin, in der Orchesterbehandlung und der Rolle des Astromonte, den Tenor Garrie Davislim virtuos singt, ist ein wenig „Idomeneo“ nahe.

Mit Koloraturen wurde auch Nadir bedacht, Daniel Johannsen singt ihn bestechend. Das sehr fein und sprechend mit gezügeltem Vibrato agierende Orchester unter Seokwon Hongs sicherer Leitung trägt im Haydn- und Mozart-Ton die Kontraste und Abwechslung. Was das legendäre Mannheimer Orchester (auch da waren die meisten Interpreten Komponisten), das Mozart entscheidend beflügelte, Jahrzehnte zuvor an Wirkungen und Effekten erfand, hat sich folgenreich auch hier durchgesetzt. Und das deutsche Singspiel der Romantik leuchtet, auch im Sujet, schon auf.

Alles Symmetrie: Zwei Liebespaare, das hehre Nadir/ Nadine und das komische Lubano/Lubanara, werden von dem Geschwisterpaar Astromonte und Eutifronte, das sich in Gut und Böse scheidet, getrennt. Nadir ist Tamino sehr nahe, Lubano dem Papageno. Die Frauen entsprechen Pamina und Papagena, der lichte Halbgott und der Finsterling Sarastro und der Königin der Nacht.

Die Frauenrollen sind mit Jihyun Cecilia Lee, Andreja Zidaric und dem hellen Genius der Sophia Theodorides vorzüglich in farblicher Abstufung besetzt, Alec Avedissians weicher Bariton sucht die Fußstapfen Papagenos. Johannes Maria Wimmers dunkler Eutifronte beweist sich als Autorität des Bösen. Wirkungsvoll der Chor.

Michael D. Zimmermanns hoch aufsteigende Bühne wird gekrönt von den farbsprühenden „Zauberflöte“- Aquarellen und dem „Stein der Weisen“-Gemälde des Arik Brauer. Davor Erzählerin Timna Brauer als rot glitzernde, thronende Zauberin.