Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.06.2018


Musik

Mit Schubert unterwegs auf der Balkanroute

© balint hrotkoDer ungarische Tenor János Szemenyei ist Schuberts neuzeitlicher Wanderer: ein Flüchtling im ungarischen Lager Bicske.Foto: Balint Hrotko



Von Bernadette Lietzow

Wien – Einigen Besuchern war dieser Abend nicht nur aufgrund der hochsommerlichen Temperaturen offensichtlich zu heiß. Sie zogen die Flucht aus den „Gösserhallen“ hinter dem Wiener Hauptbahnhof dem weiteren Zuhören und -sehen vor. Ihnen entging eine der ästhetisch wie inhaltlich wohl bestechendsten Premieren der diesjährigen Festwochen.

Zugegeben, für Anhänger der reinen Interpretationslehre von Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ sind die für kleines Orchester „komponierte Interpretation“ des deutschen Tondenkers Hans Zender, die Herangehensweise des Sängers János Szemenyei als auch die inszenatorische Einbettung des ungarischen Meisterregisseurs Kornél Mundruczó gewöhnungsbedürftig. Mundruczó, der mit J. M. Coetzees „Schande“ oder mit „Scheinleben“ für Höhepunkte vergangener Festwochen gesorgt hat, assoziiert Schuberts Wanderer mit jenen Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Gewalt in der Heimat den beschwerlichen Weg nach Europa antreten. Der Künstler verbindet die Elemente Video, Theater und Konzert zu einem bezwingenden Ganzen.

Hinter dem äußerst klang­intensiven Budapester Danubia Orchestra Óbuda unter der Leitung des Dirigenten Máté Hámori laufen auf einer großen Leinwand Filmbilder ab, die das Leben von Flüchtlingen im berüchtigten ungarischen Auffanglager Bicske und auf den Straßen Richtung Westen zeigen. Teilweise als Porträt-Teppich aus Einzelsequenzen zusammengesetzt, teilweise in Großaufnahmen, oftmals mit Fokus auf kleine sprechende Details lernt man Männer, Frauen und Kinder in einem Alltag kennen, der von Ungewissheit wie von Erwartung, Not und Hoffnung getragen ist.

János Szemenyei ist einer von ihnen: Der Sänger, ausdrucksstark bis hin zu großartig kalkuliertem Schlagerpathos, „lebt“ in einem desolaten Zwischenreich, eingeklemmt zwischen Orchester und Videowand. Er intoniert Wilhelm Müllers Verse mit gewollt ungarischem Akzent und ernsthafter Eindrücklichkeit. Diese „Winterreise“ ist eine gültige Absage an „Betroffenheitstheater“, der Abend be-trifft und erntet zu Recht viel Applaus.